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Home you old JoSh

III Mordgedanken

Jetzt muss ich nur noch diese eine Stunde überleben. Von den restlichen fünf hab ich ja nicht allzu viel mitbekommen. Den Lehrern ist das aber egal, die haben sich schon längst damit abgefunden, dass ich ein hoffnungsloser Loser bin und sie mich genauso ignorieren können wie alle anderen Menschen, inklusive meine Mitschüler. Am Anfang haben sie immer noch versucht, mir zu helfen, mich aufzumuntern als ich vor etwa einem halben Jahr neu auf die Schule kam. Mit der Zeit haben sie es aber aufgegeben, weil ich nicht darauf eingegangen bin.

Noch zwanzig Minuten.

Inzwischen hat es aufgehört zu Regnen. Leider. Die Geräusche des Regens haben mir gut beim Einschlafen geholfen. Hehehe….was soll man auch groß während des Matheunterrichts machen? Der Lehrer kriegt doch eh nix mit und außerdem war der gesamte Lehrkörper heute eh sehr mit unserem neuen ach so tollen Mitschüler beschäftigt. Wie schafft er es nur die ganze Zeit so überaus happy zu grinsen?! Das ist abartig. Am liebsten würde ich ihm sein dämliches Grinsen aus dem Gesicht mit Hilfe eines Schweißbrenners brennen oder ihm einfach mit einer Axt den Schädel spalten.

Noch zwölf Minuten.

Was fällt dem auch ein in meine Klasse zu kommen? Immerhin hab ich mich damals vor ihm zum Affen gemacht und mich so in Grund und Boden geschämt, dass ich damals nicht mehr wusste ob ich jemals wieder unter Menschen gehen können würde. Aber ich habe ihn erfolgreich verdrängt und mit ihm diese schlimme Erinnerung, aber was ist nun? Er holt alles wieder vor und erinnert mich jede Sekunde daran, was für eine Scheiße ich gebaut habe und wie schnell man doch seinen besten Freund verlieren kann.

Noch 7 Minuten.

Dieser Typ kann nicht nur Grinsen er kann auch total fröhlich laut lachen. Gott wie kann er das nur in so einem Moment, in – mich hat irgendwas am Kopf getroffen. Verwirrt gucke ich im Klassenzimmer um mich und Maik, einer meiner „Freunde“ macht mich darauf aufmerksam, dass irgendetwas vor meinen Füßen auf dem Boden liegen muss. Ich bücke mich danach und bekomme einen kleinen Zettel zu fassen.

„Sag mal willste Joshua mit deinen Blicken erdolchen?! Ò ___ ó “

Anscheinend muss ich ihn wohl mit meinem Todesblick angeguckt haben…na ja auch egal. Ich werfe Maik einen ausdruckslosen Blick zu und schüttele nur den Kopf. Ich wäre eigentlich ja nicht wirklich traurig wenn Josh jetzt einfach vom Stuhl gefallen wäre, aber leider bleibt das ja ein Wunschtraum. Außer ich geh doch mal mit der Axt auf ihn los, vielleicht wenn er auf dem Klo ist und die anderen schon weg sind. Dann könnte ich mich langsam an ihn anschleichen und er würde mich erst im Spiegel hinter ihm erkennen. Erschrocken würde er sich umdrehen und um Gnade flehen.

Das Klingeln unterbricht meine Mordgedanken leider, aber man kann sie ja in aller Ruhe im Bett fortsetzten, aber zu erst einmal muss man den Nachhauseweg in der prallen Sonne überstehen ohne dabei auf halber Strecke zu schmelzen. Was ich mir auch noch zutrauen würde, da ich ausnahmslos schwarz trage. Wieso können am Himmel nicht auch ein paar mehr Wolken hängen? Würde dem Wetter sich nicht wirklich schaden. Aber nein, der liebe Herr Wettergott ist natürlich mal wieder gegen mich. Warum überrascht mich das nicht?

„Hey Dam!“, das war Maik…bestimmt wollte er mich noch mal wegen Josh sprechen.

„Mhm.“ Meine geistreiche Universalantwort auf alles und jeden.

„Du sag mal wieso hast du Jo jetzt so komisch angeguckt?“

„Jo?“

„Ja du weißt schon, Joshua. Er hat gemeint wir können ihn so nennen, das wäre ihm am liebsten. Also wieso denn nun?“ Neugierig wie immer der kleine Maik. Die Frage brachte ihn auf meiner Hassliste ein bisschen weiter nach oben.

„Einfach so.“

„Dam, man schaut nicht „einfach so“ einen Menschen an, als ob man ihn durch reine Gedankenkraft mehrmals gegen die Tafel schlagen und dann aus dem Fenster schmeißen will.“ Gott hat dieser Junge eine Vorstellungskraft, obwohl das auch keine schlechte Idee wäre, Josh loszuwerden.

„Ich war nur mit den Gedanken wo anders.“

„Ach so, na dann ist alles klar. Also ich muss los, bis morgen.“ Er winkt mir noch mal zu und schon ist er auch schon in der Schülermasse, die sich durchs Haupttor quetscht verschwunden. 

Ich lasse mich von der wogenden Masse mitschwemmen und starre dabei unabsichtlich einen blonden Kopf. Oh man… kann der nicht einfach aus meinem Blickfeld verschwinden, damit ich ihn nicht immer anstarren muss, als ob ich ihm gleich an die Gurgel geh?

Die Stadt ist voller als am Morgen, aber das interessiert mich nicht wirklich. Nachdem Josh zum Glück in eine andere Richtung gegangen war, konnte ich in Ruhe dahin schlendern und vor mich hinträumen.

Platsch.

Hm klasse…echt klasse Tag. Ich bin in eine wunderschöne eiskalte Pfütze getreten, die natürlich sofort meinen Schuh durchweicht und meine Socken, inklusive meiner Hose teilweise durchnässt hat. Super jetzt tropfe ich hier eine nette kleine Spur durch die gesamte Fußgängerzone. Ganz toll.

Zuhause angekommen schleudere ich erstmal meinen immer noch nassen Schuh von meinem Fuß und den anderen trockenen gleich hinterher. Danach entledige ich mich noch meiner anderen nassen Sachen und krieche schutzsuchend unter meine Decke.

Verdammt wieso müssen die Tage zurzeit nur so scheiße sein?! Kann es nicht mal einen geben der halbwegs normal und gut ist? Ich bitte doch nur um einen guten Tag. Einen Tag, das ist alles was ich verlange, aber Gott hört mir ja eh wie immer nicht zu. Wenn es ihn überhaupt gibt… nicht das ich schon mal an ihn geglaubt hätte, ich bin überzeugter Atheist, trotzdem gibt es Tage an denen ich hoffe das es ihn doch gibt und das er endlich anfängt mein Leben besser laufen zu lassen. Wobei ich bezweifele, dass ich das verdient hätte… ach ist doch alles egal.  

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