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IV Kälte

Der nächste Morgen war natürlich genauso scheiße wie der andere. Ich frag mich echt seit wieso die Welt so offensichtlich gegen mich ist. Ich mein ich hab es doch eigentlich nicht verdient, dass ich erstmal zehn Minuten vor Schulbeginn aufstehe, gegen meine Tür renne, danach auch noch die Treppe runterknalle, auf der Straße dann in Hundescheiße latsche und schließlich von meinem werten Lehrer dazu verdonnert werde, wegen meines Zuspätkommens draußen auf dem eiskalten Flur den Rest der Stunde zu verbringen. Gut es sind nur noch zwanzig Minuten aber trotzdem! Diese Kälte ist asozial! Ich frier mir hier gleich den sprichwörtlichen Arsch ab…ich sitze gegen die Wand gelehnt auf dem Boden und schaue zu dem kleinen Fenster hoch. Irgendwie fühl ich mich hier wirklich wie in einem Gefängnis. Sauer zeige ich dem Fenster und dem natürlich strahlend blauen Himmel den Mittelfinger. SCHEISS WELT!

Das Stimmengewirr hinter mir schwillt an, anscheinend macht mal wieder irgendjemand Ärger und der liebe Mathelehrer, der uns auch so gut leiden kann, muss mal wieder die Stimme leicht – was sehr stark untertrieben ist, seine Stimme kann man oft genug noch fünf Zimmer weiter hören – erheben. Hier draußen kriege ich allerdings nicht jedes Wort nur mit. Nur irgendwas von wegen, einem Schwamm, sein Kopf und öfters das Wort nass. Dabei stiehlt sich ein flüchtiges Lächeln auf mein Gesicht, geschieht ihm Recht. Wenn mich die Welt schon hasst, dann ist es doch schön zu hören, dass sie noch andere Menschen hasst. Bleibt trotzdem die Tatsache, dass sie mich hasst und mich das in Form von Kälte spüren lässt. Ey wir haben Sommer und trotzdem herrschen hier höchstens 10 Grad! Okay die Fliesen sind ja von Natur aus kalt, aber ich wette die Klimaanlage spielt mal wieder verrückt, gerade wenn ich natürlich aufm Flur hocken muss. Das gibt’s doch nicht. Hätte ich wenigstens meine Kapuzenjacke mit raus genommen, aber die hängt natürlich über meinem Stuhl etwa 8 Meter von mir entfernt, so weit weg, dass es mir wie die Entfernung von der Erde bist zur Sonne vorkommt. Wobei ich nicht einmal genau weiß, wie lang das ist, ich weiß nur dass es sehr sehr sehr lang ist. Lang genug bestimmt.

Plötzlich geht die Tür auf. Und wer kommt raus? Na wisst ihr´ s? Wenn nicht gebe ich euch so gnädig wie ich bin mal einen Tipp. Also die Welt hat sich verschworen und es gibt nur eine Person, die ich wirklich aus ganzem Herzen hasse. Na könnt ihr es euch jetzt denken?

Richtig es ist unser lieber Herr Josh. Danke liebe Welt, echt, ich bin dir so dankbar ich könnte dich erschießen.

Josh geht zum Fenster und guckt raus, was es da so interessantes zu sehen gibt weiß ich echt nicht. Dann setzt er sich darunter und guckt wie ein Auto als er mich entdeckt. Wobei ich nicht verstehe wie er mich übersehn konnte, immerhin saß ich direkt neben der Tür.

„Was…wieso bist du auch hier draußen?“ er guckt mich noch immer ziemlich verwirrt an.

„Krause hat mich rausgeschmissen.“

„Hä? Wann?“ Der muss ja echt blind und taub sein, immerhin hat der Typ mich ziemlich laut angeschrieen.

Ich seufze…man der Typ hat Nerven.

„Vor einer halben Stunde.“

Bitte lieber Gott, lass ihn seine Fresse halten. Bitte ich tu alles, ich geh jeden Sonntag in die Kirche, sage jeden Abend meine Gebete und werde auch nie wieder Scheiße oder verflucht sagen. Biiiiiiiiiiiiiiiitte.

„Komisch hab ich gar nicht mitgekriegt.“ Er lächelt mich mit diesem Ach - ist – die – Welt – nicht – toll – Lächeln an.

Verfluchter scheiß Gott! Sag mal wieso kannst du nicht einmal machen was ich will hä?! Das haste jetzt davon, jetzt gibt’s keine Kirche, keine Gebete und ich werde jetzt noch absichtlicher das Wort Scheiße benutzen. Einfach nur weil du es bist.

Ich brumme nur etwas in mich hinein. Ein paar Minuten hält er zum Glück seine Klappe. Hm…@ Gott: Vielleicht überleg ich es mir noch mal, wenn er bis zum Ende jetzt seine Klappe hält. Will ja nicht so sein.

Josh sitzt wie ich nur im T- shirt da und fängt sich an die Oberarme zu reiben, offensichtlich ist ihm genauso kalt wie mir.

„Sag mal hast du nach dem Unterricht schon was vor?“

Verdutzt guck ich ihn an. Hä?!

„Nee.“ Oh scheiße ich könnt mich ohrfeigen. Wieso hab ich das gesagt? Es war als wäre mein Kopf ab geschalten…scheiß Kopf! Wieso musste mir das antun? Ich hätte mir irgendwas einfallen lassen sollen, irgendwas.

Bevor ich mir nicht doch noch etwas einfallen lassen kann lächelt Josh nur erleichtert: „Klasse. Ich hätte nämlich noch ein paar Sachen von dir bei mir rum liegen. Na ja ich bin einfach nicht dazu gekommen sie dir wiederzugeben und nach unserem letzten ähm… Zusammentreffen …haben wir uns ja auch nicht mehr gesehen.“ Das hat er echt wunderschön umschrieben. Wieso hat er es nicht gleich „nach deinem Rausschmiss“ genannt?

„Wie wäre es wenn wir uns im Park treffen, das liegt auf halber Strecke.“ Wieder dieses Lächeln. Sag mal kann der auch mal aufhören die ganze Zeit zu grinsen? Das wirkt ja schon richtig provozierend. Er kann von Glück reden das ich so ein friedlicher Mensch bin und mich nicht prügele, sonst hätte ich es ihm schon längst mal aus der Fresse geprügelt.

„Mhm.“

„Klasse.“

Danach herrscht wieder Schweigen.

Was hat mich nur geritten dem zuzusagen?! Ich mein soll er von mir aus die Sachen behalten, ich hab sie bis jetzt eh noch nicht vermisst. Um ehrlich zu sein, wusste ich bis jetzt noch gar nicht, dass mir etwas fehlt. Aber jetzt hab ich ja schon zugesagt und am besten ich bring es hinter mich. Danach kann ich ihn ja weiter ignorieren. Hoffentlich auch ungestört.

„Ding Dang Dong.“ Endlich der erlösende Gong.

Ich springe auf und flüchte regelrecht in das Klassenzimmer. Ich weiß nicht wovor. Einerseits vor der schrecklichen Kälte andererseits behangt es mir nicht wirklich mit Josh allein auf dem Gang zu sitzen. Vielleicht will er sich ja auch im Park an mir rächen, für das was ich getan habe. Mit seinen offensichtlichen Muskeln wäre das für ihn bestimmt nicht sonderlich schwer. Er könnte mich sicherlich genauso zerquetschen wie einen Toast. Aber ach Quatsch…Dam du bildest dir nur was ein. Wieso sollte er das tun? Ich meine das hätte er dann doch schon viel früher machen können, zum Beispiel auch gleich auf dem Gang. Ich bin sicher es hätte ihn niemand daran gehindert mich zusammenzuschlagen. Ach was rede ich denn da? Die anderen hätten ihn wahrscheinlich eher noch angefeuert als mir zu helfen. Wieso sollte man mir armen Würstchen auch helfen? Ich meine wie ich schon rum renne, ich sehe doch total unvertrauenswürdig und „feindlich“ also anders aus. Mit meinem Lippen- und Augenbrauenpiercing, meinen vielen Ohrringen – auf der linken Seite 3, auf der rechten 5 – meinen schwarzen Klamotten, den schwarzen Haaren, die mir fast beide Augen verdecken, den dunklen Augenringen und der blassen Haut, dem Nietenarmbändern und den schwarzen Fingernägeln. Wenn ich auch ganz lustig drauf bin schmink ich mir die Augen schwarz, dann kann man richtig sehen wie die Leute mich mit ihren Blicken aufspießen. So etwas wie mir hilft man einfach nicht. Das gehört sozusagen zum guten Menschenverstand. Aber fragt mich nicht wieso, ist ein ungeschriebenes Gesetzt.

Auf meinem Stuhl wickele ich mich erst einmal in meine Jacke ein, verdammt ist mir kalt. Ein Wunder das ich noch keine Erfrierungen an den Fingern bekommen habe, aber na ja ich glaube da müssten sie die Klimaanlage auch noch ein paar Grad tiefer schalten, bevor das passiert. Wetten sobald ich das nächste Mal rausfliege machen sie das?

Der Rest des Vormittags verläuft ziemlich ruhig. In der Englischstunde versuchte ich mich aufzutauen, was mir dank der verstärkten Sonnenwärme, durch die Fensterscheiben, hervorragend gelang; die Doppelstunde Chemie habe ich verschlafen; Deutsch ebenso, auch wenn ich ein paar Mal von der noch jungen Lehrerin gestört wurde. Sie hat noch nicht begriffen, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin oder ist zumindest noch so jung und motiviert das sie die Hoffnung nicht aufgibt, dass sie mich doch noch zum Lernen motivieren kann. Das ist leicht nervend und vor allem störend. Ich brauch doch auch meinen Schönheitsschlaf.

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