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X Schätzchen

Ich hatte ihm nicht geantwortet und auch sonst nichts zu ihm gesagt. Wieso auch? Hatte er verdient, dass ich mit ihm rede? Eindeutig nicht. Stattdessen habe ich ihn einfach in mein Zimmer gelassen, wo er sich auch gleich auf das Bett gesetzt hat. Gut, wo anders ist auch kein Platz. Seit er da sitzt, schaut er sich mit ausdruckslosem Gesicht um, während ich immer noch an der Tür gelehnt stehe. Zu ihm werde ich auf keinen Fall gehen, da kann er lange drauf warten. Schweigen breitet sich über uns aus. Ein Schweigen, das nicht sonderlich angenehm ist.

Josh bricht als erster das Schweigen: „Kaum bin ich mal nicht da, verwandelst du dein Zimmer in ein Schlachtfeld.“

Er wirft einen en anerkennendes Grinsen auf mein heiß geliebtes Schlachtfeld. Manno, was kann ich denn dafür, dass ich Aufräumen hasse?

Ich werfe ihm einen finsteren Blick als Antwort zu, worauf er natürlich sich einen ablacht.

„Was gibt’s da zu lachen?“, bevor ich mich aufhalten kann, sind die Worte auch schon aus meinem Mund.

Er sieht mich nur grinsend an und lehnt sich an die Wand hinter meinem Bett an.

„Ach es ist nur so, dass deine bösen Blicke bei mir nichts bringen.“

„Wieso sollten sie nicht?“ Normalerweise funktionieren die doch immer.

„Weil ich dich schon seit dem Sandkastenalter kenne und weiß, dass du es gar nicht so meinst. So einfach ist das.“

Pff, dass glaubt auch nur er. „Und wenn ich mich seit dem Kindergarten verändert habe?“

Er grinst mich breit an: „Weißt du, du hast es nie so gemeint, bis zu dem Tag, an dem … na ja du weißt schon was ich meine.“ Er grinst jetzt weniger, wie nett von ihm. „und ich glaube einfach nicht, dass du dich in dem einen einem Jahr so sehr verändert hast.“

„Das glaubst auch nur du.“

„Vielleicht weil ich dich als einziger kenne.“

„Du kennst mich genauso wenig wie alle anderen.“ Was bildet sich der eigentlich ein, zu behaupten er würde mich kennen?!

„Sicher?“

„Ja.“, grolle ich.

„Das wollen wir ja mal sehen.“

„Damian, Schätzchen?!“, schon wieder tönt es von unten hoch. Dieses elende Wort dringt durch das ganze Haus und Josh prustet laut los. Lautlos formt er fragend das Wort „Schätzchen?“ und lacht dann leise in sich hinein. Ich zucke nur mit den Schultern und gehe nach unten. Nach einer Weile gewöhnt man sich sogar auch an dieses elendige Wort, auch wenn es mich immer wieder nervt, wenn meine Mutter mich so nennt. Vor allem, wenn sie es durch das ganze Haus brüllt. Sie wartet im Hausflur auf mich, ihre kleine Handtasche hat sie unter dem Arm.

„Ich fahre zu Tante Anne und gehe danach noch zum Aerobic. Melissa ist bei einer Freundin und Papa ist noch einmal losgefahren, du bist also alleine. Im Kühlschrank dürfte noch etwas zu essen sein. Ich denke ich bin gegen 6 wieder da.“ Sie drückt mich noch kurz an sich und ist dann auch schon aus dem Haus. Na endlich. Wie ich ihre scheiß freundlich Art hasse. Es kotzt mich immer wieder aufs Neue an.

 Ganz alleine bin ich aber auch nicht, wie es meine Mutter behauptet hat. Da ist immer noch Josh, der oben auf meinem Bett sitzt und wahrscheinlich immer noch lacht. Wie kann ein einzelner Mensch nur so viel lachen?

Langsam gehe ich nach oben. Was soll ich jetzt mit diesem Clown machen? Ich mein einfach rausschmeißen kann ich ihn ja auch nicht, obwohl ich das am liebsten würde. Wäre ja aber sehr unhöflich. Außerdem kann ich die Freundschaft mit ihm doch gleich wieder vergessen. Okay sind wir doch mal ehrlich: Wir sind noch nicht einmal 24 Stunden lang Freunde. Das ist nicht gerade eine lange Zeit. Na mal sehen, vielleicht geht er ja auch von selber. Auch wenn ich das kaum glaube.

Mein toller Freund sitzt immer noch auf meinem Bett und grinst sich einen ab. Diesmal bleibe ich nicht an der Tür stehen, sondern setzte mich ebenfalls auf mein Bett. Aber so weit wie es geht von ihm weg. Wir wollen es ja nicht gleich mit der Freundschaft übertreiben oder? Josh bemerkt es, sagt aber nichts. Komisch normalerweise hätte er doch sofort einen seiner dummen Kommentare abgegeben.

„Na, Schätzchen, was wollten sie von dir?“, sein Grinsen ist breiter denn je.

„Ich wüsste nicht, seit wann ich dein Schätzchen bin.“ Ich würde meine Mutter echt gerne für diesen Namen killen.

„Ich auch nicht, aber der Name passt so schön zu dir.“ Sein Grinsen nervt.

„Nein, tut er nicht.“

„Oh doch und wie er das tut.“ Sein Grinsen nervt immer noch.

„Nahein.“

„Doch, Schätzchen.“ Hatte ich schon erwähnt, dass sein Grinsen nervt?

„Ach, leck mich doch.“ Langsam werde ich echt sauer auf diesen Dreckskerl.

„Gerne.“

Mit einem schelmischen Grinsen beugt er sich so schnell vor, dass ich gar nicht weiß, wie mir geschieht. Quälend langsam leckt er mir über die linke Wange – natürlich genau über meine blauen Flecken. Seltsamerweise tut es nicht weh, es fühlt sich sogar angenehm an. Warte mal, was denke ich denn hier? Es ist angenehm wenn mir Josh über die Backe leckt?! Auf einmal erscheint auch wieder ein Bild vor meinem inneren Auge. Josh, wie er mich küsst. Oh Gott Josh hat mich GEKÜSST!!!

Er hat mittlerweile aufgehört mir über die Wange zu lecken und schaut mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Was hast du?“

Ich bin noch viel zu sehr durch den Wind, als dass ich ihm eine wirkliche Antwort geben könnte. Immerhin hat er mich gerade ABGELECKT! Mich! Einen Jungen!

Bevor ich es merke ist der Satz auch schon aus meinem Mund: „Verdammt bist du schwul oder was soll der Scheiß?!“

Sobald ich die Worte gesprochen habe, tun sie mir auch sofort wieder leid. Josh zuckt wie unter einem Schlag zusammen und in seinen Augen erscheint ein trauriger und verletzter Ausdruck. Er schaut zur Seite und nickt zaghaft. So habe ich ihn wirklich noch nie erlebt. Aber das schlimmste ist doch immer noch, dass er es zugibt. Josh ist schwul! Nicht, das mich hier jemand falsch versteht, ich habe wirklich nichts gegen Schwule, solange es nicht meine Freunde sind – wobei ich doch eh kaum welche habe – und sie nicht auf mich stehen. Es ist nur so…wir reden hier von Josh! Josh kann nicht schwul sein, er ist doch gar nicht der Typ dazu.

Josh sieht mir wieder in die Augen und alles was ich in ihnen sehe ist Traurigkeit. Er hat Ähnlichkeit mit einem zu groß geratenen Hund, wobei der Hund eindeutig leichter zu handhaben ist. Schon allein was das Essen angeht.

„Jetzt hältst du mich bestimmt für komplett für verrückt.“, meint er mit leiser Stimme.

„Wieso sollte ich?“ für mich besteht nicht wirklich Grund zu der Annahme, immerhin ist es zwar komisch, aber wenn er nun mal auf Typen steht.

„Weil das nicht normal ist.“, er lächelt gequält.

„Na und? Heißt doch nicht gleich, dass du verrückt bist.“

„Meine Eltern meinen das schon.“, seine Miene verdüstert sich wieder.

Seine Eltern wissen es also. Ich will gar nicht wissen, wie sie reagiert haben, als sie erfahren haben, dass ihr geliebter Sohn schwul ist. So weit ich mich erinnere, sind sie sehr konservativ und halten nichts von gleichgeschlechtlicher Liebe – wobei ich diesen Ausdruck eh hasse.

„Hm, du leidest einfach unter Geschmacksverirrung.“

Wie erwartet stielt sich ein kleines Grinsen auf sein Gesicht. Sehr gut, das steht ihm besser als dieser traurige Ausdruck.

Eine Weile schweigen wir, aber diesmal ist es ein entspanntes und angenehmes Schweigen. Joshs Augen schauen schon bald nicht mehr so traurig aus, dennoch bleibt ein ernster Ausdruck auf seinem Gesicht. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr und schaut dann wieder mich an.

„Ich muss los.“

„Hm.“

„Sehen wir uns morgen?“

Ich zucke mit den Schultern. Mir doch egal, ob wir uns morgen sehen.

Josh grinst wieder: „Ich hol dich um eins ab.“

Er steht auf und stöckelt auf die Tür zu.

„Du solltest echt mal aufräumen.“

Ein genervter Seufzer kommt über meine Lippen: „Du hörst dich an wie meine Mutter.“

„Ist doch aber wahr, Schätzchen.“ Äfft er meine Mutter nach.

Unwillkürlich muss ich grinsen. Er schafft es wirklich mich zum Lachen zu bringen…oder sagen wir mal zumindest zum Grinsen.

An der Haustür dreht er sich noch einmal um. „Bis morgen.“

„Bye.“

Tief in meinem Inneren weiß ich, dass ich mich auf morgen freue, aber diese Freude ist mit einem Gefühl verbunden, dass ich nicht an die Oberfläche kommen lassen will.

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