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XVI Verstand oder Herz?

Die Tränen fließen immer noch. Stetig tropfen sie auf mein schwarzes T-Shirt, das nass auf meiner Brust klebt. Der Blondschopf hat seinen Kopf an meiner Brust vergraben und schluchzt leise. Ich sitze an meine Posterwand gelehnt mit einem 1, 90 – großen Typen auf meinem Schoß … muss wirklich schlimm aussehen. Immer wieder streichele ich mit einer Hand seinen Rücken hoch und runter. Ich kann jeden Wirbel durch sein dünnes T-Shirt spüren. Meine Rechte ruht auf seinem Kopf und spielt mit seinen Haaren. Seine Haare sind ganz dünn und nass, von seinen Tränen. Ich will, dass er aufhört! Bei jedem seiner Schluchzer zieht sich mir der Magen zusammen und ich spüre langsam wie mir ebenfalls die Tränen in die Augen steigen. Verdammt, ich will doch nicht heulen. Ich will ihn doch trösten und ihn nicht noch, durch mein Rumgeheul, anstacheln weiter zu weinen. Ich wollte ihm nicht wehtun, ich wollte ihn doch nicht zum Weinen bringen. Ich meine, wie hättet ihr reagiert, wenn euch euer eigentlich bester Freund ableckt? Da ist es doch normal, wenn man geschockt ist. Oder? Ihr hättet doch genauso gehandelt oder? Ich meine… so etwas ist doch krank… und trotzdem war es schön. Verdammt, ja! Es war schön! Es war ein so schönes und wunderbares Gefühl! Ich würde es am liebsten für immer spüren. Aber wenn es so schön war, war es dann richtig ihn wegzustoßen? Eigentlich wollte ich das doch gar nicht. Okay sagen wir, ein Teil von mir wollte es nicht…dieser Teil sitzt glaube ich in meinem Herzen. Will ich jetzt wirklich darüber nachdenken? Nicht wirklich, aber es muss wohl sein, immerhin habe ich es fertig gebracht den starken und großen Joshua zum Weinen zu bringen. Da bin ich ihm es wohl wenigstens schuldig, dass ich darüber nachdenke warum ich es getan habe. Denke ich zumindest.

Also fangen wir mal an in meinem Kopf ein bisschen Ordnung zu schaffen:

Mein lieber Verstand hat gesagt ich soll ihn wegstoßen und mein Herz oder mein Bauch, weiß nicht, ist das jetzt ein und dasselbe oder nicht? Na egal, das finde ich auch noch heraus, hat gesagt ich soll ihn nicht wegstoßen. Gut, so weit ist das ja noch einfach, aber auf wen soll ich jetzt hören? Wie sehr mag mein Herz oder Bauch Josh? Ich horche in mich hinein. Da ist wieder dieses warme Gefühl, wenn ich an diesen Blondschopf in meinen Armen denke und es wächst immer mehr, je länger ich an ihn denke. Mein Gott, gleich heb ich ab. Das wirkt ja wie eine Droge. Klar, die Droge Josh. Aber mein Kopf unterdrückt es wieder. Er sagt immerzu „Nein, das ist falsch, das ist nur Quatsch! So etwas kannst du nicht für einen Jungen empfinden!“ Warum nicht? Warum kann ich keinen Jungen...

lieben?

Weil es falsch ist, Junge und Junge das gehört einfach nicht zusammen. Das passt nicht, das gehört nicht zu Gottes Plan von der Welt. So und so ähnlich klingen die Sprüche, die man mir in meiner Kindheit eingetrichtert hat. Und wenn sie es sind, die falsch sind? Wenn jeder lieben sollte, was er will? Ist das nicht viel besser? Verdammt, Gott, könntest du mir mal sagen was du denn für richtig hältst?! Dann könnte ich mich wenigstens damit rausreden, dass ich nur das gemacht habe, was der liebe gute Gott – holt schnell einen Wischmopp, sonst rutscht noch jemand auf meiner Schleimspur aus – für richtig hält. Das wäre doch viel einfacher.

Da der liebe Herr Gott sich jetzt aber nicht zu meiner Frage äußern will muss ich mich wohl oder übel entscheiden, wie ich mich Josh gegenüber verhalte. Ich kann ihm so etwas wie gerade eben, ja wohl nicht noch einmal antun oder? Ich will ihm nicht weh tun. Verdammt, wieso muss das auch so schwer sein? Ich kann meinen Kopf doch nicht einfach so abschalten…

Josh bewegt sich. Er richtet sich langsam auf und schaut mit verquollenen Augen auf mich herab.

„Es… es tut mir leid.“, sagt er mit brüchiger Stimme.

Ich nicke nur. Was soll ich auch groß sagen?

Langsam erhebt er sich und meine Hände fallen leer zur Seite. Ohne noch einmal zurückzublicken verlässt er mein Zimmer und lässt mich zurück. Alleine.

 

Den Rest des Tages habe ich im Bett verbracht, unter mehreren Decken vergraben. Mein Wecker hat vor ein paar Sekunden geklingelt. Es ist Montag. Schule. Von Josh habe ich, seit seinem tränenreichen Auftritt gestern, nichts mehr gehört. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, was er tut. Wahrscheinlich irgendeinen total melodramatischen Auftritt, eben wie aus einem Film. Passiert ist jedoch nichts.

Stöhnen erhebe ich mich aus meinem Bett und tapse ins Bad. Mir tut immer noch alles weh und die Tatsache, dass es Montag ist, macht die Sache nur noch schlimmer. Wenigstens hat meine Schwester die Güte und lässt ihre Musik nur leise dudeln. Oder kommt es mir nur so vor? Irgendwie habe ich Druck auf den Ohren. Kommt wahrscheinlich von zu vielem im Bett rumgammeln.

Während ich unter der Dusche stehe, denke ich darüber nach was der Tag so alles für mich bereithält. Fünf Stunden Schule. Okay, das ist zu meistern, selbst für mich. Schlimm ist nur, dass ich Josh in der Schule sehen werde. Kann mir mal einer sagen, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll? Ich mein, das letzte Mal, als wir uns gesehen haben, hat er sich an meiner Schulter die Augen aus dem Kopf geheult! Verdammt! Kann mir nicht mal jemand helfen!

Wie ich mit einem Blick auf meine Uhr feststelle, muss ich mich ranhalten, wenn ich mir nicht schon wieder eine Strafe fürs Zu – spät - kommen einhandeln will. Ehrlich gesagt, habe ich heute wenig Bock auf eiskalte Flure. Selbst wenn ich damit Josh eine Zeitlang entkommen kann.

Den Schulweg bringe ich schnell hinter mich, immerhin scheint schon stark die Sonne, da bin ich nur ungern draußen. Irgendwie erinnert mich das Wetter an einen nicht so tollen Freibadbesuch.

Zwei Minuten vor Unterrichtsbeginn betrete ich das Klassenzimmer. Noch mal Glück gehabt. Schnell lasse ich meinen Blick über die miteinander lautstark diskutierende Masse schweifen. Scheint als wäre heute ein doch ganz toller Tag. Josh ist noch nicht zu sehen und da er sonst immer sehr früh da ist, wird er wahrscheinlich auch nicht mehr kommen. Man, hab ich ein Schwein!

Meine fünf Stunden sitze ich schweigend ab. Nicht einmal mit meinen so genannten Freunden rede ich. Sie haben mir nur einmal angesehen und gemerkt, dass mir nicht nach reden ist. Ich frag mich, woran sie das gemerkt haben. Na ist doch aber auch egal. Eigentlich war die Schule schon fast okay, aber eben auch nur fast. Meine liebe Biologielehrerin Frau Rost hat es in der zweiten Stunde geschafft, mir den ganzen Tag zu versauen – entschuldigt bitte meine Ausdrucksweise, aber in diesem Fall schien sie mir angebracht. Sie möchte einen Versuch in der nächsten Biostunde durchführen und hat uns daher paarweise eingeteilt. Da keiner mit mir machen wollte – wen wundert das? – hat sie mich Josh zugeteilt, da der ja heute, Gott sei Danke, nicht da war. Tja, dumm ist nur, dass ich ihm das Material heute bringen muss, da er das bis Mittwoch fertig arbeiten muss. Ich könnte es ihm auch erst morgen bringen, aber wahrscheinlich vergesse ich es bis dahin oder verdränge es bewusst und dann bin ich am Mittwoch am Arsch. Toll, echt klasse! Danke Frau Rost! Vor lauter Dank würde ich ihnen am liebsten ein Messer in den Bauch rammen. Ich hab sie wirklich unheimlich gern. Verrecke, du alte Schlampe!!!!

Es läutet zum Unterrichtsende. Hm…ich werde es wohl am besten sofort hinter mich bringen. Er wird mir ja schon nicht den Kopf abreißen. Hoff ich.

Also dann, Ritter Damian, auf in den Kampf!

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