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XVII Einbrecher

Lauft mal in der Mittagshitze durch die Stadt! Man, ich bin fast eingegangen. Wieso muss auch gerade heute die Sonne so stark scheinen? Langsam glaub ich, sie hat es auf mich abgesehen. Immer wenn ich aus dem Haus muss, brennt sie förmlich alles nieder. Der Park war dann ein bisschen angenehmer. Mit Betonung auf ein bisschen. Die Bäume haben mich heute irgendwie auch nicht so richtig vor den Sonnenstrahlen beschützt. Wahrscheinlich haben sich jetzt alle gegen mich verschworen. Was hab ich denn getan?!

Ich bin bei Joshs Haus angekommen. Sieht immer noch genauso aus wie vor einem Jahr. Was sollte sich da auch groß verändern? Okay, die Bäume sind gewachsen und sie haben einen kleinen Springbrunnen im Vorgarten. Mit einem Engel drauf. Joshs Mutter hatte schon immer einen Hang zum Kitsch. Zum Glück hat sie den nicht an ihren Sohn vererbt. Auf dem Kopf des Engels sehe ich einen Marienkäfer, der sich dort sonnt. Hoffentlich verbrennt er nicht.

Mit lahmen Schritten gehe ich die Einfahrt hinauf zur Haustür. Ich will da nicht hin! Ich will ihn nicht sehen! Ich bin doch zu jung zum Sterben! Okay, ich glaub jetzt übertreib ich echt. Er wird mich ja nicht beißen oder? Zumindest nicht, um mich zu töten.

Die Haustür ist immer noch dieselbe. Schon  komisch wie wenig sich verändert hat… oh man, jetzt werde ich auch noch sentimental. Ich gebe mir einen Ruck und drücke den Klingelknopf. Eine kleine Melodie tönt durch das Haus. OMG, immer noch dieselbe scheiß Melodie! Die klingt wie so ein Kinderlied, nur habe ich noch nie herausgefunden welches es ist. Bei Gelegenheit frage ich doch mal Josh danach. Wenn er mich nicht gleich killt.

Eine schlanke Frau mit blonden Haaren, die locker Barbie Konkurrenz machen könnte, öffnet mir die Tür. Sie lächelt freundlich… bis sie erkennt wer ich bin.

„Ach, du bist es.“ Ihr Ton ist eiskalt wie eine Eisscholle.

„Josh ist oben, er hat glaub ich noch jemanden zu Besuch, aber geh ruhig hoch.“

Sie hält mir die Tür auf und schließt sie hinter mir. Ich schlüpfe schnell aus meinen Schuhen heraus und mache mich auf den Weg zu Joshs Zimmer. Obwohl ich ein Jahr lang nicht mehr hier war, weiß ich noch immer wo alles ist. So bin ich schnell bei seinem Zimmer angelangt und mache die Tür auf…

…und kriege einen Schock. Ich weiß nicht was ich erwartet hätte, aber ganz sicher nicht Josh halbnackt auf seinem Bett und mit einem blondhaarigen Typen auf seinem Schoß, der ihn küsst und weiß Gott noch was tut!!! Sie müssen wohl gehört haben, dass jemand hereingekommen ist und Josh schaut über die Schulter dieses… dieses Arsches! ... und  guckt mich nur erschrocken an.

Ich weiß nicht wieso, aber mir steigen die Tränen in die Augen…ich will nur noch weg hier!

„Scheiße…Da, ich …“ weiter höre ich ihm nicht zu.

Blitzschnell drehe ich mich um, bevor mir die Tränen noch vor ihm übers Gesicht laufen und renne zur Haustür. Ich glaube ich habe noch nie so schnell meine Schuhe angezogen und bin wohl noch nie so schnell zu Hause gewesen. Die Hitze draußen nehme ich gar nicht mehr wahr. Nur noch einen Schmerz in meiner Brust, der, fürchte ich, nicht vom Rennen kommt.

Zuhause angekommen, überhöre ich die Rufe meiner Mutter, ob ich etwas essen will und schmeiße mich in mein Bett. Unter der Decke lasse ich meinen Tränen freien Lauf…

Wieso weine ich überhaupt? War es Schock ihn mit einem Jungen zu sehen? Beim Knutschen? – was sie noch alles getan haben, will ich gar nicht wissen.  Oder dachte ich etwa wirklich, dass er NUR auf mich steht und auf keinen anderen Jungen?! Das ist doch egoistisch… Dachte ich wirklich, dass Josh mich lieben würde und niemanden sonst? Ich meine wir sind ja nicht zusammen und so könnte er doch rummachen mit wem er will… aber wieso tut es dann so weh, wenn ich daran denken, dass sie sich geküsst haben?! Das irgendein anderer diese wunderbar weichen Lippen gespürt hat!? Verdammt! Wütend schlage ich auf die Matratze. Mein Kissen ist schon ganz nass vor lauter Tränen, aber ehrlich gesagt ist mir das egal. Ich will nur nicht mehr diesen Schmerz spüren. Will nicht mehr darüber nachdenken. Will nichts mehr…

 

Jemand setzt sich auf mein Bett. Ich kann es durch die Matratze spüren. Eine Hand streicht über die Bettdecke und sucht anscheinend nach meinem Kopf. Muss wohl meine Mutter sein.

Sie streicht mir beruhigend über den Kopf, aber es hilft nicht.

„Bleibst du zu Hause?“

Die Bettdecke erbebt unter meinem kraftlosen Nicken.

Ich habe die Nacht nicht schlafen können und fühle mich so erschöpft, als wäre ich 10 Kilometer ohne Anhalten gerannt. Mir tut alles weh … außer meiner Seele. Der Schmerz ist gegangen, dafür fühle ich mich völlig leer, ohne Gefühle. Ich habe aufgehört zu weinen, weil ich irgendwann keine Tränen mehr hatte.

Meine Mutter geht wieder.

Den Rest der Woche verbringe ich in einer Art Dämmerschlaf… meine Mutter fragt erst gar nicht was mir fehlt, wofür ich ihr dankbar bin. Ihr scheint wohl zu genügend, dass ich aussehe wie der Tod, um mich zu Hause bleiben zu lassen. Mein Anblick ist auch wirklich nicht sehr schön, eher erschreckend. Meine Haut ist fahl und hat einen leichten gelbgrün Schimmer – keine Ahnung von was der kommt – und um meine Augen herum ist alles komplett schwarz, was auf nicht abgewaschene Schminke und keinen guten Schlaf zurückzuführen ist. Ich fühle mich schwach und jedes Mal wenn ich aufstehe überkommt mich ein Schwindel – und Übelkeitsgefühl. Nimmt mich das mit Josh wirklich so sehr mit? Ich meine, er ist doch nicht mein Eigentum und wir sind doch gar nicht zusammen. Außerdem weiß ich doch gar nicht ob ich das will… mit ihm zusammen sein. Ich meine, ich kann doch nicht einfach so mit einem Jungen … meine Eltern würden mich killen und der Rest der Menschheit auch, inklusive Gott. Obwohl sie doch anscheinend alle nur mein Glück wollen und wer sagt das nicht er mein Glück ist?

Arg, ich sollte aufhören zu denken Josh und ich könnten überhaupt in eine Million Jahre zusammenkommen. Er hat etwas mit einem anderen Jungen laufen, wieso sollte er sich da überhaupt für mich interessieren? Der Typ ist wahrscheinlich viel weniger kompliziert als ich … und viel schöner, besser und steht wahrscheinlich dazu, dass er Josh mag. Das würde ich doch eh nie machen. So wie ich mich kenne, vergrab ich das wieder in mir und werde es nie jemanden erzählen. Und Josh erst recht nicht.

 

Es ist Freitagabend und meine Mutter stattet meinem Zimmer wieder einmal einen Besuch ab. Wie immer habe ich mich unter der Decke verkrochen. Seit Donnerstag weiß sie, dass ich meinen Kopf immer an derselben Stelle habe – ist einfach am bequemsten da – und sucht nicht lange nach ihm. Sie streicht wie immer über die Bettdecke.

„Dein Vater und ich gehen aus, könnte etwas länger werden, weil wir auf dem Geburtstag von Miriam sind… deine Schwester ist bei einer Freundin. Du bist also alleine.“

„Hm.“ Mein erster Laut an diesem Tag. Mit wem soll ich auch groß reden und über was?

„Wenn etwas ist, Handynummer hast du ja. Machs gut, mein Schatz.“ Sie streicht noch einmal über meinen Kopf und geht dann.

Mir ist es egal, ob ich allein zu Hause bin oder nicht. Ich bleibe doch eh in meinem Bett und versuche mal richtig zu schlafen.

 

Ein Geräusch ließ mich aufhorchen. Etwas hatte geklirrt, als hätte jemand eine Scheibe eingeschlagen. Ich hörte ein leises Fluchen, konnte aber nicht verstehen was geflucht wurde. Na ganz toll, Einbrecher. Wieso muss ich immer allein im Haus sein, wenn so etwas passiert? Kann mir das mal einer verraten?

Leise und vorsichtig stand ich auf und tastete mich durchs Zimmer. Mein Vater würde ausrasten, wenn ich nicht wenigstens versuchte hätte, die Einbrecher loszuwerden. Irgendwo hatte ich doch mal einen Baseballschläger … ich tastete mich weiter vorwärts… ah, gefunden!

Ich schlich mich mit meiner erhobenen Waffe so leise wie möglich auf den Gang und dann die Treppen runter. Mein Gott, bin ich froh, dass ich weiß, wo welche Stufe knarrt.

Etwas polterte. Es kam aus Richtung Küche. Wieder klang gedämpftes Fluchen an mein Ohr. Verdammt, können die nicht mal lauter reden!

Langsam näherte ich mich der Küchentür…lieber Gott, lass die keine Pistolen oder Messer haben. Okay, sie sind in der Küche, da liegen sowieso überall Messer rum, aber trotzdem bitte lieber Gott, lass sie keine Messer haben und blöd sein, damit sie den Messerblock übersehen… ich weiß gar nicht, wie man mit dem Baseballschläger zuschlagen soll. Er wiegt schwer in meiner Hand, wahrscheinlich bin ich so schwach, dass ich nicht mal richtig damit zuschlagen kann. Die Einbrecher kriegen wohl eher einen Lachkrampf bei meinem schwächlichen Anblick, als dass sie flüchten.

Die Küchentür ist angelehnt und ich schlüpfe lautlos in den dahinter liegenden Raum. Es ist stockfinster in der Küche, denn der liebe Mond und die Sterne verstecken sich hinter einer Wolke. Super, ich kann nicht mal die Hand vor Augen erkennen.

Irgendwo raschelt etwas, aber ich kann nicht genau hören woher es kommt. Verdammt, ich brauche Licht! Ich frage mich, ob die Einbrecher etwas sehen können. Vielleicht haben sie ja Nachtsichtgeräte, aber das ist wohl eher unwahrscheinlich. Wenn sie welche hätten, hätten sie sich doch schon längst auf mich gestürzt oder?

Ob ich die Lampe einschalten kann? Vielleicht erschreckt es sie ja so sehr, dass sie die Flucht ergreifen, ohne vorher nachzusehen welcher Schwächling da Licht angemacht hat. Okay, die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber sagt mir mal was ich sonst machen soll? Ich kann doch nicht bis zum Sonnenaufgang hier stehen und warten!

Also los, Ritter Damian! Mach dich auf die Suche nach dem heiligen Lichtschalter!

Eigentlich ist mir gerade gar nicht ritterlich zu Mute. Viel eher nach Angsthase Damian… ich zittere wie Espenlaub und der Schläger in meiner Hand wird immer schwerer.

Endlich habe ich ihn gefunden!

Die Küche ist schlagartig hell erleuchtet. Geblendet blinzele ich der Lampe entgegen und schaue mich dann nach den „flüchtenden“ Einbrechern um.

Aber hier ist ja gar keiner! Hä? Muss ich das jetzt verstehen? Aber hier muss doch jemand sein, immerhin ist ein Loch im Fenster über der Spüle, um es von außen öffnen zu können. Aber wo sind sie dann? Ich meine die können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben?

Plötzlich höre ich ein „Aua“. Anscheinend sitzt der Sprecher hinter dem Küchentisch, auf den meine Mutter praktischerweise eine fast bodenlange Tischdecke gelegt hat, so dass ich natürlich nicht dahinter sehen kann. Danke Mama.

Also los, was sein muss, muss sein!

Vorsichtig und mit zitterndem Baseballschläger – der wiegt mittlerweile eine Tonne – umrunde ich den Tisch und sehe …

Josh?! Was zum Henker macht der hier? Und wieso um Himmels Willen ist er hier eingebrochen?! Wieso ist er nicht bei… weiter will ich gar nicht denken, kann ich gar nicht denken, denn die Leere in mir füllt sich wieder mit stechendem Schmerz. Es ist als würde mich eine Dampfwalze überrollen. Meine Knie fangen an um die Wette zu zittern und den Baseballschläger kann ich kaum noch halten.

Josh sitzt auf dem Boden und begutachtet seinen blutenden Arm. Wahrscheinlich hat er sich irgendwo geschnitten. Bevor ich ihn aber fragen kann, wieso er hier ist, schaut er zu mir auf. Erschrocken weiten sich seine Augen. Ich kann nicht sagen was ihn mehr erschreckt, mein Anblick oder der Schläger.

Vorsichtig steht er auf und kommt auf mich zu. Der Schläger, den ich noch immer hoch erhoben halte, zittert so stark, dass er mir wahrscheinlich gleich aus der Hand fällt. Mein Kopf ist wie leer gefegt, all die Fragen an ihn sind weg… ich spüre nur noch den Schmerz und Tränen auf meinem Gesicht. Dicht vor mir bleibt er stehen. Er sieht jetzt nicht mehr erschrocken aus, sondern viel mehr traurig. Ich weiß nicht wieso er traurig sein sollte… er sieht mir unentwegt in meine verheulten Augen. Langsam hebt er einen Arm und nimmt mir vorsichtig aus den Händen. Wie in Zeitlupe legt er ihn neben sich auf den Tisch. Meine Arme fallen herab und ich sinke in mich zusammen. Der Schmerz in meiner Brust wird unerträglich…was will er hier? Mich weiter quälen?

Durch die vielen Tränen sehe ich kaum noch etwas, nur noch verschwommene Schemen. Ich spüre wie mich starke Arme an einen warmen Körper ziehen und festhalten. Die Wärme ist beruhigend. Er zerquetscht mich fast, so fest hält er mich, aber es tut mir nicht weh.

Leise höre ich in an meinem Ohr: „Es tut mir leid, Kleiner.“

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