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XXI Pollen

Den Rest des Tages habe ich verdrängt oder ich weiß nicht, vielleicht bin ich ja auch kurzzeitig ins Koma gefallen, wer weiß. Fakt ist, dass ich keine Erinnerung daran habe, was passiert ist als ich gestern Nachmittag mein Zimmer betrat. Ganz toll, ich habe ein Black Out. Langsam erhebe ich mich aus meinem zerwühlten Bett, den Wecker habe ich mit Hilfe eines Trittes gegen die Wand zum Schweigen gebracht. Ich hoffe nur ich habe gestern keine Scheiße mehr gebaut. Mit bösen Vorahnungen schaue ich meine Unterarme an. Puhhhh… erleichtert atme ich aus. Ich habe also doch keine Scheiße gebaut. Meine Arme sehen aus wie immer, blass mit ein paar vereinzelten dunkleren Narben.

Oh man, ich habe keine Lust auf diesen Tag. Okay, wer hätte schon Lust auf die Schule, wenn man da mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% einen Jungen trifft, den man nie wieder sehen will? Also ich ganz sicher nicht. Aber es muss sein, außer ich will wirklich noch das Jahr wiederholen, nur weil ich so oft krank mache. Und ich dreh ganz sicher nicht eine Extrarunde, nur wegen diesem Wichser! Dieser verdammte Wichser, wegen dem ich mich jetzt am liebsten aus dem Fenster stürzen würde…

Natürlich fehlt mir der Mut dazu. Wie immer.

Auf dem Weg zur Schule trödelte ich unabsichtlich rum. Wirklich, es war keine Absicht! Als ich in die Klasse komme, ist der Lehrer zum Glück noch nicht da, dafür aber die ganze Klasse. Ich bin also wieder einmal der Letzte.

Ich weigere mich auch nur in Joshs Richtung zu sehen. Totale Ignoration. Du bist die Coolness in Person. Er hat dir nichts getan. Er existiert gar nicht. Du kennst keinen Josh.

Verdammte Scheiße, wieso muss er zwei Reihen vor mir sitzen und seinen Hinterkopf natürlich voll in meine Richtung halten?! Die blonden Haare kann man ja gar nicht übersehen. Wieso leuchten die auf einmal so? Als ob das keine Haare wären, sondern Leuchtreklame mit der Aufschrift: „Hey Da, hier sitze ich! Hiiiiiiiier! Komm, schau zu mir her oder ich blende dich so arg, dass du blind wirst!“ Wieso muss mir das passieren? Wieso kann er heute nicht einfach krank sein? Und wieso überhaupt heute? Von mir aus könnte ihn ruhig jemand überfahren oder ihm soll sonst irgendwas zu stoßen, Hauptsache er stirbt und ich muss ihn nie wieder sehen. Hallo Gott? Kannst du mir wenigstens einmal einen klitzekleinen Wunsch erfüllen? Wahrscheinlich nicht. Ich glaube sowieso nicht, dass du mir zuhörst. Du sitzt wahrscheinlich grad auf irgendeiner Wolke mit Petrus zusammen, paffst eine und machst dich über mich lustig. Zutrauen würde ich dir das echt.

Mir fällt es ziemlich schwer dem Unterricht zu folgen. Nicht das ich mit meinen Gedanken beschäftigt wäre, es ist eher so das mein Kopf total leer gefegt ist. In ihm herrscht gerade das berühmte Vakuum. Ich denke nicht einmal an IHN. Ich starre meistens nur aus dem Fenster und schaue ein paar Pollen dabei zu wie sie versuchen ins Klassenzimmer zu gelangen, aber an den Glasscheiben scheitern. Das kann wirklich sehr erheiternd sein.

„… Dam? Hallo?! Erde an Daaaaaaam!!!“ Ich zucke zusammen.

Was? Wo? Wie? Hä? Frühstück? Erschrocken blicke ich mich um und erkenne das Gesicht von meinem Mitschüler Maik. Man, muss der mich so erschrecken.

Er schaut mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Sag mal, kann es sein, dass du heute ein bisschen neben der Spur bist?“

„Mhm, kann schon sein, was dagegen?“

„Brauchst ja nicht gleich anfangen mich anzuzicken, wie ein Mädchen, das seine Tage hat.“

Schmollend dreht er sich um und geht zurück an seinen Platz. Typisch Maik. Sobald man ihm mal ein bisschen mit schlechter Laune kommt, zieht er sich schmollend zurück und meint man würde ihn anzicken. Okay maybe habe ich ihn angezickt… oh man, ich werde langsam wirklich schon wie ein Mädchen. Ach scheiß drauf, na und? Irgendeiner muss es ja sein. Auch wenn ich dank meiner „Vermädlichung“ immer wieder blöde Bemerkungen an den Kopf geworfen kriege. Ach, wie ich das hasse… ich sollte aufhören darüber nachzudenken, das macht mich nur fertig und regt auf… aber es lenkt so gut von etwas Blondem ab.

Nur noch eine Stunde… eine Stunde Terror…nur noch eine Stunde lang muss ich den Blondschopf vor mir ertragen. Nur noch eine Stunde lang muss ich diese Haare ansehen.

Es klingelt und in Windeseile habe ich mein Zeug zusammengepackt. Nur raus hier. Ich bin sogar der Erste, der das Klassenzimmer verlässt, mal etwas ganz neues für mich. Okay, ehrlich gesagt will ich es auch nie wieder sein, da ich als ich das Klassenzimmer verlassen habe auch prompt gegen den Direktor pralle. Das ist wahrscheinlich jetzt die Strafe, dass ich den anderen nicht den Vortritt gelassen habe. Danke, lieber Gott, ich hoffe du verreckst an einem Lachanfall.

Zum Glück lächelt der Direktor mich nur leicht tadelnd an und geht schnell weiter. Wieso sollte er sich auch die Mühe machen und jemanden wie mich zusammenscheißen? Okay, mir ist es ganz recht so, so kann ich wenigstens schnell verschwinden. Nicht, dass noch so ein blonder Typ, der auf den Namen Josh hört, kommt und es doch noch wagt mit mir reden zu wollen.

 

Mein Mittagessen ist wie meistens recht karg. Meine Eltern arbeiten mal wieder in ihrer Mittagspause. Sie lieben ihre Arbeit wirklich, na wenn sie meinen. Außerdem verdienen sie ja nicht schlecht, was mir ja auch nicht gerade schadet. Somit bleibt mehr Milchreis für mich. Muhahahahaha… für Milchreis könnte ich wirklich töten. Keine Ahnung wieso es mir diese weißliche glibberige Substanz so sehr angetan hat. Okay, DAS könnte man jetzt falsch verstehen. Verdammte Zweideutigkeit.

Mit einem Teller frisch gekochten, wohl duftenden, zu Nachschlag auffordernd aussehenden Milchreis verschwinde ich in meinem leicht abgedunkelten Zimmer. Natürlich habe ich heute Morgen vergessen die Vorhänge zurückzuziehen. Auch gut. So bleibt mir erspart sie jetzt wieder zuzuziehen. Ich kuschele mich in mein Bett, den Milchreis auf den Bauch und schalte den Fernseher am Fußende meines Bettes an. Ich weiß im Liegen essen ist erstens nicht so ganz gesund – meint jedenfalls meine Mutter – und zweitens nicht so ganz praktisch. Es dauert meistens doppelt so lang, weil man ja nicht gerade die Hälfte des Milchreises im Bett verteilen will. Also immer schön langsam, Löffel für Löffel. Nicht so hastig Jaqueline, sonst kotzt du wieder (aus „der Schuh des Manitu&ldquo. Nach diesem Motto esse ich also.

Unten klingelt es an der Haustür. Wahrscheinlich eine Freundin von Chekabunny. Am Ende des Flures höre ich Schritte… meine heißgeliebte Schwester ist anscheinend gerade auf dem Weg zur Tür um ihre tolle HipHop-Freundin hereinzulassen. Wieder Schritte. Sie kommen hinauf. Ich höre Gekicher und… eine Jungenstimme? Welcher komplette Vollidiot besucht so eine Tusse wie meine Schwester? Der muss echt an Geschmacksverirrung leiden.

Plötzlich höre ich wie die Tür aufgeht. Sag mal, haben die einen Vollknall oder wieso kommen die in mein Zimmer?! Mit meinem berühmt berüchtigten Todesblick schaue ich am Fernseher zur Tür und stocke. Dreimal dürft ihr raten wer das steht. Nein, nicht Josh und auch nicht meine Schwester. Nein und es ist auch nicht Gott. So die Auflösung kommt – wo bleibt der Trommelwirbel? – es ist…

Julien. Bitte lass einen Blitz in ihn einschlagen.

Anscheinend sieht er im Dunkeln nicht so gut und braucht deshalb ein paar Momente, um sich in meinem Zimmer zu Recht zu finden. Solange erdolche ich ihn mit meinen Blicken. Mittlerweile ist er bestimmt schon 20 Tode gestorben. Dann jedoch entdeckt er mich auf meinem Bett und kämpft sich zu mir vor. Noch immer hat keiner von uns ein Wort gesagt. Langsam wird mir das unheimlich. Was will der hier? Will er sich über mich lustig machen oder was? Oder will er mir sagen, dass Josh ihm gehört und ich meine Finger von ihm lassen soll? Bitte, von mir aus kann er ihn sogar klonen. Hauptsache ich muss weder Josh noch Julien je wieder sehen.

Neben meinem Bett bleibt er schließlich stehen. Ich liege noch immer da, mit meinem Milchreisteller auf dem Bauch und dem Löffel im Mund.

„Darf ich mich setzen?“, fragt er schließlich mit leiser Stimme in die Stille hinein.

„mhmpf fklaa...“, ich nehme erst einmal den Löffel aus dem Mund. So kann ja kein Mensch reden. Gut nach Reden ist mir auch nicht grad.

Julien setzt sich auf die Bettkante und ich rutsche noch ein bisschen an die Wand. Ein klein wenig Sicherheitsabstand schadet ja nicht oder?

„Also ähm… ich wollte mal mit dir reden … wegen gestern.“

Ich schweige. Was sollte ich auch darauf sagen? Ich meine, es war ja wohl glasklar, dass er sicher nicht mit mir über das bevorstehende Spiel unserer lokalen Fußballmannschaft  reden wollte oder?

Er räusperte sich: „Also, ich will nur mal eins klar stellen, ich will nichts von Josh, ich liebe ihn nicht und bin nur ein alter Kumpel von ihm, verstanden?“ Er sah mich zweifelnd an.

Ich war sprachlos. Äh was bitte schön sollte das jetzt? Ich habe die beiden doch zusammen gesehen. Die haben miteinander geschlafen! Soweit mir bekannt ist schläft man nicht mit „alten Kumpels“ oder habe ich irgendetwas verpasst? Ich schaue ihn verständnislos an, worauf er verlegen zu Boden sieht. Anscheinend weiß er woran ich denke.

„Das… das war so nicht beabsichtigt… wir wollten es beide nicht und als du da reingeplatzt bist… da ist uns überhaupt erst einmal bewusst geworden, was wir da taten. Wir haben sofort aufgehört.“

Das soll ich nicht wirklich glauben oder? Aber was, wenn… was, wenn er wirklich die Wahrheit gesagt hat? Nein, Da, vergiss es, wir reden hier von Julien, das ist eine gemeine falsche Schlange!

„Es tut mir wirklich leid, Damian.“

Hat der gerade meinen richtigen Namen gesagt? So reden mich meine Eltern meistens nur an, wenn „Freunde“ da sind oder sie sauer auf mich sind.

„Weißt du, ich bin verliebt…“

Ach, ich wusste es, er ist doch in Josh verknallt. Mein Gesicht verfinstert sich wahrscheinlich gerade.

Julien schaut mich lächelnd an: „Keine Sorge, es ist nicht Josh. Ich wollte dir nur sagen, dass ich in einen Jungen unsterblich verliebt bin und deshalb Josh wirklich NUR ein Freund für mich ist.“ Das Wörtchen „nur“ betont er extra stark. Am liebsten hätte er es sicher noch fett geschrieben und doppelt unterstrichen.

Irgendwie heben seine Worte meine Laune ein bisschen. Um ehrlich zu sein ein bisschen viel. Das werde ich mir jetzt aber gerade noch ansehen lassen. Julien muss ja nicht wissen, wie fröhlich er mich gerade macht. So sehr mag ich ihn nun auch wieder nicht.

„Ach ja, noch was.“, er grinst mich ein bisschen an.

„Was denn?“

Was will er denn noch von mir?

„Josh liebt dich. Ich hoffe du weißt das.“, er zwinkert mir zu.

Jetzt bin ich wirklich platt. Muss der mir das so … so direkt sagen?! Ich mein, so durch die Blume hindurch wäre schon ausreichend gewesen… aber so kotze ich gleich, weil die Schmetterlinge, Flugsaurier und was sich noch da so alles in meinem Magen tummelt verrückt spielen.

„So, ich hoffe, dass jetzt alles geklärt ist. Bis dann.“

Er lächelt mir noch schnell zu und ist dann auch schon aus dem Zimmer geeilt. So schnellt konnte ich gar nicht gucken, wie der weg war.

„Bye.“, murmele ich in die Stille hinein. 

Ob ich mich in diesem Julien getäuscht habe?

Noch ein bisschen verwirrt von diesem überraschenden Gespräch setze ich mich auf und bringe dann meinen Teller in die Küche. Dort treffe ich auch gleich mal meine kleine Schwester.

„Du, sag mal wer war der Typ da?“, fragt sie mich mit großen Augen und auch diesmal ganz ohne Beleidigungen, was wirklich nicht oft vorkommt.

„Hä? Wer?“, ich komme erst einen Augenblick später darauf, dass sie Julien meint. Mit meinen Gedanken bin ich bei einem anderen Blondschopf…

„Na der Blonde. Dieser endsgeile Typ eben.“

„Ach, der, das war Julien…“

„Kannst du mir seine Handynummer besorgen?“, sie tritt nahe an mich heran und schaut mich mit diesem Dackelblick an, vor dem es mir immer gruselt.

Woher zum Henker soll ich denn seine Handynummer kriegen? Gut, ich könnte Josh fragen, aber wieso sollte ich ihr den Gefallen tun?

„Nö.“, damit drehe ich mich um und lasse sie sauer zurück. Das war für den Schlag auf die Nase! Ja ich weiß, ich bin sehr sehr nachtragend, aber mal ehrlich: Hättet ihr anders gehandelt?

Wieder in meinem Zimmer schließe ich leise die Tür, der Fernseher läuft noch, aber ich schalte ihn aus. Ich will mich nicht mehr ablenken. Stattdessen lege ich mich in mein Bett und starre die Decke an. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, grinse ich von einem Ohr zum anderen. Dabei habe ich doch eigentlich gar keinen Grund dafür. Ich meine, dass Josh mich mag weiß ich ja schon länger. Vielleicht liegt es ja daran, dass Julien nichts von ihm will. Aber wieso hat mich Josh dann gestern nicht davon abgehalten zu gehen?

Wieso bin ich nur so verdammt glücklich? Warum ist mir schon ganz schlecht vor lauter Liebe? … Liebe?

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