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Home you old JoSh

XXII Goth?!

Wie immer klingelt mein Wecker viel zu früh. Verdammtest Mistteil, musst du meinen heiligen Schönheitsschlaf stören?! Ich will S C H L A F E N ! Vielleicht hätte ich doch gestern nicht mehr diesen Film schauen dürfen… ich glaube der ging noch bis um 4 Uhr. Kein Wunder, dass ich jetzt nicht aus dem Bett komme.

Gähnend stehe ich in Zeitlupentempo auf und auf dem Weg ins Badezimmer schwanke ich wie ein Betrunkener. Ich sollte wirklich nie mehr so spät ins Bett gehen.

Ein Blick in den Badezimmerspiegel bekräftigt meinen Entschluss nur noch. Mein Gott habe ich Augenringe! Das sieht ja richtig krank aus. Als wäre ich eine Leiche. Oje, dass wird wieder lustige Kommentare seitens meiner Eltern und Lehrer geben. Meine Mitschüler dürfte das denke ich mal nicht kümmern, immerhin kommen sie selber oft mit dunklen Augenringen, weil sie mal eine Nacht durchgezockt haben. Na wem es Spaß macht. Ich ziehe mit den Finger die Haut um meine Augen ein bisschen straf. Man ich sehe aus wie der Tod auf Latschen. Unwillkürlich muss ich ein bisschen lächeln. Ich BIN der Tod auf Latschen. Immerhin habe ich meine hellblauen Plüschhausschuhe an. Ich weiß, kitschiger und kindischer geht’s nicht mehr, aber sie sind bequem und so muss ich schon nicht auf den nackten, kalten  Fließen stehen. Ohne diese Dinger würde ich, glaub ich, erfrieren.

Nach einer kurzen, leider auch sehr kalten, Katzenwäsche stehe ich vor meinem Kleiderschrank mit dem allseits bekannten Problem: Ich habe nichts anzuziehen! Komisch, eigentlich dachte ich immer so was kann nur einer Frau passieren. Man, was soll ich denn anziehen? Okay, klar mein Kleiderschrank sieht wirklich etwas leer aus – wird Zeit, dass meine Mutter mal wieder dunkle Sachen wäscht – aber selbst mit vollem Kleiderschrank wüsste ich nicht was ich anziehen sollte. Meistens kleide ich mich ja meiner Stimmung entsprechend. Also was habe ich heute für eine Stimmung? Ich horche in mich hinein… ähm ja… hallo? Ist da jemand? Keine Antwort. Okay, anscheinend niemand daheim und nu? Tja…

Ich stehe wirklich geschlagene 5 Minuten vor meinem Kleiderschrank und denke nach. Was zum Henker soll ich anziehen? Meine Stimmung ist irgendwie seltsam… einerseits bin ich total aufgedreht, was ich ja nun wirklich nicht gerade häufig bin – eigentlich nie – und andererseits bin ich total nervös und angespannt. In der Schule werde ich Josh wieder sehen. Ob er weiß, dass Julien gestern bei mir war? Das wollte ich Julien ja eigentlich noch fragen, aber in dem ganzen Gefühlschaos muss ich es irgendwie vergessen haben.

Okay, toll, jetzt weiß ich, dass ich heute eine zwiegespaltene Stimmung habe und was bringt mir das jetzt? Ach scheiß drauf! Ich kralle mir meine schwarze Jeans vom Stuhl und angele mir ein pinkes T-Shirt mit einem sich erschießenden Smily drauf, aus dem Schrank. Ich hatte schon weniger durchdachte Outfits an.

Unwillkürlich gleitet mein Blick auf den Wecker: 7:38. Ach du heilige Scheiße!

„Damian?“, ertönt in diesem Moment auch die Stimme meiner Mutter von unten. Wahrscheinlich denkt sie, dass ich noch schlafe

„Ich komme sofort!“

Verfluchte Scheiße! Wieso hat mich niemand daran erinnert, dass es schon so spät ist und ich schon längst unterwegs sein sollte!?

In Windeseile habe ich meine Tasche zusammengepackt, rase die Treppe hinunter und pralle unten erst einmal mit vollem Tempo gegen Josh. Wir fallen beide nach hinten um und ich begrabe ihn halb unter mir.

Was hat der hier zu suchen?! Kann mir das mal einer erklären?!

Ich rappele mich schnellstmöglich auf und versuche ganz gelassen zu wirken. Er soll ja nicht merken wie durcheinander ich wirklich bin.

„Was suchst du denn hier?!“, entfährt es mir etwas überraschter als ich beabsichtig hatte.

„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen…“ er sitzt immer noch auf dem Boden und reibt sich den Kopf. Anscheinend ist er mit dem Kopf gegen den Schirmständer aus Metall geknallt. Irgendwie tut er mir ja schon fast leid. Aber er ist ja auch selber Schuld, was taucht er hier auch auf?

„Ich habe vor der Schule auf dich gewartet und als du nicht kamst, hab ich mir halt schon gedacht, dass du verpennt hast und wollte dir entgegen gehen.“

Hä? Muss das einer verstehen? Wieso wollte er vor der Schule auf mich warten? Ich check das nicht. Kann mir mal jemand einen Übersetzter bringen?

Auf meine Frage, wieso er auf mich gewartet hat, antwortet er: „Ich wollte mich entschuldigen.“ 

Er schaut mich von unten her mit seinem liebsten Hundeblick an. Oh man, da kann doch keiner widerstehen. Das ist unfair!

Ich grummele etwas in mich hinein… glaubt er etwa ernsthaft, dass ich ihm einfach so vergebe?! Nach dem was er getan hat?!

Auf mein Gegrummel blickt er etwas zerknirscht drein und starrt seine Schuhe an. Man, muss das sein? Da kann man ihm ja nur vergeben. Ach, fuck!

„Du hasst mich jetzt bestimmt oder?“, er starrt immer noch seine Schuhe an. Die müssen ja mächtig interessant sein. Für mich sehen sie nach gewöhnlichen Chucks aus.

„Hassen würde ich nicht gerade sagen.“ Das entspricht sogar mal der Wahrheit. Wie könnte ich ihn auch hassen, wenn mein Bauch gerade vor Freude Purzelbäume schlägt und ich in seiner Nähe kaum klar denken kann?

Er schaut mich mit einem leichten Hoffnungsschimmer an. Wie schafft der das bitteschön, dass er immer süßer wird? Das ist doch nicht normal oder?! Hallo, Goooott?

„Ich hasse dich schon nicht…“, ach jetzt krieg ich auch noch ein Grinsen geschenkt. Na wenigstens weiß ich jetzt, dass er es nicht verlernt hat.

„Ähm, weißt du, ich habe dich auch nur nicht aufgehalten, weil ich Julien nicht so zeigen wollte, dass ich du weißt schon…“, okay jetzt könnte er wirklich mit einer Tomate konkurrieren und seine Schuhe scheinen ja wirklich immer interessanter zu werden.

„Nö, ich weiß nicht, was du meinst.“ Heute bin ich aber wieder gemein. Muhahahahahaha… na okay, ein bisschen Strafe hat er ja auch verdient oder?  Ich versuche krampfhaft nicht zu grinsen, aber so wirklich klappt das nicht. Zum Glück wird Josh noch röter und starrt weiter seine Schuhe an.

„Ich mag halt sehr, das weißt du doch…“, flüstert er leise, wofür ich ihm übrigens äußerst dankbar bin. Mein Gott, wenn meine Eltern oder Chekabunny das gehört hätten. Die hätten mich dann bestimmt ins Kloster oder in die Klapsmühle gesteckt… zumindest hätten sie mich dann zum Therapeuten geschickt, um mich zu bekehren. Normal ist es ja nicht gerade oder? Okay, ich glaube ich sollte Josh mal lieber aus dieser für ihn so peinlichen Situation erlösen… außerdem fängt der ach so tolle Unterricht ja gleich an.

„Ja ja, wir sollten lieber losgehen.“, ich strecke ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen… ich glaube, dass habe ich schon seit einem über einem Jahr für niemanden mehr getan. Tut irgendwie gut, dass wieder zu tun.

Josh nimmt meine Hand und steht schnell auf, schaut mir dabei aber immer noch nicht ins Gesicht. Du mein Gott, man könnte ihn locker mit einem frisch gekochtem Hummer verwechseln.

Den Schulweg verbringen wir schweigend, so lang ist er heute ja auch gar nicht, weil wir ziemlich schnell gehen. Ich muss fast schon rennen, um mit Josh Schritt zu halten, aber ich beschwere mich lieber nicht. Er scheint mit seinen Gedanken woanders zu sein. Wo wohl? Man, wieso frag ich mich das überhaupt? Es geht mich keinen Stecken an, über was er gerade nachdenkt. Trotzdem interessiert es mich… verdammte Schmetterlinge!

Wir kommen natürlich zu spät. Okay, wer hätte auch schon gedacht, dass wir es noch pünktlich schaffen?! Zum Glück haben wir in der ersten Stunde Gemeinschaftskunde bei der alten Frau Flik – kennt ihr noch diese FlikFlak-Kinderuhren? Wir vermuten, dass sie bei der Gründung der Firma schon um die 50 Jahre alt war. Die Frau ist wirklich immer überfreundlich und hält alle Schüler noch für kleine Engel. Ich warte noch auf den Tag, an dem sie endlich aus diesem Traum aufwacht und erkennt welche Satansbraten eigentlich in ihrer Klasse sind. Nein, ich meine nicht, dass ich ein Satansbraten bin, lediglich der ganze Rest ist böse. Ich bin doch euer lieber Engel Damian… mit Hörnern. (Autorin: *smily knuddel* i love you mein Engel mit Hörnern. xDD) Und da die liebe Frau Flik so lieb ist ignoriert sie unser Zuspätkommen und wir müssen nicht raus auf den arschkalten Gang. Ich bin der Frau wirklich dankbar und lächele sie sogar leicht an. Oh mein Gott, was ist denn mit mir heute los?! Ich sollte wirklich nicht mehr so oft mit Josh zusammen sein, sonst werde ich ja noch richtig nett zu meinen Mitmenschen. Ach ja, sarkastisch wie eh und je… Die Flik hat es wahrscheinlich eh nicht gesehen – sonst hätte sie immerhin eine Notiz im Klassentagebuch gemacht „Damian Rilke hat um 8:03 Uhr gelächelt, ein Elterngespräch erwünscht oder er soll zumindest mal die Drogenberatung aufsuchen“ – immerhin hatte ich wie immer meine Haare im Gesicht hängen gehabt, da kann sie es gar nicht gesehen habe!

Die nächsten 6 Stunden vergehen ausnahmsweise einmal wie im Flug. Das ich das noch mal erlebe ist wirklich ein Wunder!   

Nach dem Klingeln, welches das Ende der letzen Stunde und meines heutigen Schultages wortwörtlich einläutet, bin ich nicht, wie gestern, der Erste, der das Klassenzimmer verlässt, sondern einer der Letzten. Lediglich der Oberstreber bleibt noch länger als ich, weil er sich noch ein bisschen bei unserem Geschichtslehrer einschleimen will. Na wem es Spaß macht…

Josh hat auf dem Gang auf mich gewartet. Fragt sich nur warum… ich glaube, ich sollte aufhören, alles zu hinterfragen, was er tut. Bringt mich doch eh nicht weiter oder? Aber ob ich das kann ist eine andere Frage. Vielleicht lerne ich es ja mit der Zeit. Vielleicht kann ich mich wieder richtig an ihn gewöhnen… und an diese vermaledeiten Schmetterlinge auch. Die rauben mir echt noch den Verstand. Gut, ihr werdet euch jetzt sicher heimlich fragen – würdet das aber natürlich nie zugeben-: Welcher Verstand denn? Echt nett von euch.

Der Blondschopf lächelt mir entgegen und fragt, als ich neben ihm stehen bleibe, mit wieder krebsrotem Kopf: „Ähm, hast du heute Abend zufällig Lust mit mir wegzugehen? Wir haben doch morgen frei und na ja ich dachte, wir könnten mal weggehen und so …“

Ein Date?!?!?!?! Meine Alarmglocken schrillen wie wahnsinnig! Er will mit mir Ausgehen?! Mit mir?!! Einem Jungen?????? Was ist, wenn uns jemand sieht? Wenn der oder diejenige von unserer Schule ist, dann sind wir bald das Gespött der ganzen Schule, wenn nicht sogar der ganzen Stadt!

Offenbar verrate ich durch irgendetwas wie geschockt ich bin. Josh lächelt mich lieb an.

„Es würde nicht wie ein… wie ein Date aussehen. Wir treffen uns nur mit ein paar Freunden im Park und feiern ein bisschen. Die denken sich also nichts, wenn wir da zusammen auftauchen.“

Ich atme erleichtert aus. Mein Gott, schock mich noch mal so und es war das letzte Mal, dass du mit mir gesprochen hast.

„Also was ist jetzt? Gehst du mit mir hin?“, er sieht mich mit seinem liebsten Hundeblick an und schiebt sogar die Unterlippe vor, um seinen Bettelblick noch schlimmer für mich zu machen.

Ja, warum eigentlich nicht? Ich werde da ja sicher nicht sterben, hoffe ich jedenfalls für Josh. Sollte ich da sterben, kille ich ihn.

„Okay, ich komme mit…“

Ich kann nicht einmal zu Ende sprechen – gut, was hätte ich auch noch groß gesagt -, da Josh mir ungestüm um den Hals fällt und mich an sich drückt. Muss das denn sein? Anscheinend ja.

„Danke, danke, danke, danke, danke, danke, danke!“

„Ja ja, passt schon.“, ich mache mich von ihm los und gehe langsam auf den Ausgang zu. Mein Hündchen Josh immer schön im Schlepptau.

 

Es ist Abend und Josh ist vor etwa einer viertel Stunde zu mir nach Hause gekommen. Er hat darauf bestanden mich abzuholen, anstatt, dass wir uns im Park treffen. Na wenn es ihm Spaß macht, so weit zu laufen. Okay, klar macht es ihm Spaß, ihm macht jede Art von Sport Spaß bei der man sich bewegen muss.

Und wie heute stehe ich vor meinem Kleiderschrank und habe keinerlei Ahnung was ich anziehen soll. Josh sitzt auf meinem Bürostuhl und verdreht alle paar Minuten die Augen. Wahrscheinlich denkt er ich bemerke es nicht, aber irgendwie schaue ich immer dann in seine Richtung, wenn er es macht. Und es kotzt mich an! Wie wäre es wenn er mir mal helfen würde?! Er hat es sich ja mal wieder ganz einfach gemacht und läuft wie gewöhnlich rum: Dreiviertel Army-Hose und ein Sport-shirt. Ihm ist es ja auch verdammt egal, was die Leute über sein Äußeres denken… der hat vielleicht eine Einstellung!

„Da, mach hinne…“, mault er vom Schreibtisch her.

„Dann sag mir was ich anziehen soll!“, fauche ich ihn an.

Langsam wird mir das echt zu bunt. Wenn er keinen Bock hat zu warten, dann soll er sich doch mal nützlich machen und mir bei meiner Kleiderfrage helfen. Als ich ihn vorhin fragte, was das überhaupt für eine „Feier“ – Besäufnis bei Lagerfeuerschein trifft es wahrscheinlich dann eher – sein solle und was ich dazu anziehen solle, meinte er nur er wisse es auch nicht und ich solle doch anziehen was ich will. Danke, dass hilft mir echt weiter. Ich drehe mich wieder zum Kleiderschrank und starre meine zumeist dunklen Stapel Klamotten an.

„Wie wäre es mit gar nichts?“, höre ich eine leise Stimme an meinem Ohr.

Sein Atem streicht über meinen Nacken und meinen Hals, weswegen sich meine Nackenhaare aufstellen. Ich spüre seine starken Hände um meine Taille, die mich an einen warmen Körper drücken. Weiche Lippen bedecken meinen Nacken und wandern über meinen Hals zu meinem Ohr. Ich kann ein zufriedenes leises Seufzen nicht unterdrücken. Kann die Zeit mal bitte stehen bleiben? Mhm… das fühlt sich so schön an. Ich will, dass er das immer tut, 24 Stunden am Tag. Meine Schmetterlinge oder Flugsaurier spielen immer mehr verrückt, gleich kotz ich bestimmt.

„Na, wie wäre es mit gar nichts?“, flüstert er mir ins Ohr.

Nichts?!!?! Mir wird heiß… äh, das meint er doch nicht ernst oder? Obwohl, wir sprechen hier von Josh… dem traue ich alles zu. Oh Gott, mein Gesicht fühlt sich ganz rot an, wahrscheinlich sehe ich gerade aus wie eine Tomate.

Eine Hand verlässt meine Taille und streicht mir wenig später meine Haare aus dem Gesicht.

„War nur Spaß.“, meint er mit einem leisen Lachen und gibt mir einen Kuss auf die Wange.

Ich könnte ihn schlagen, treten, hauen, erwürgen… halt einfach nur töten! Böse gucke ich ihn an, aber er ignoriert es einfach. Ist wahrscheinlich auch besser so, sein Grinsen hätte mich nur noch wütender gemacht. Man, verdammter Arsch!

Seine beiden Hände liegen wieder um meine Taille und irgendwie lässt das meine Verärgerung verrauchen. Was macht er nur mit mir?

Konzentriert unterzieht er meinen Kleiderschrank einer Musterung. „Ziemlich dunkel.“

Ja, ach nee. Also wenn ihm das gerade erst aufgefallen ist, sollte ich ihm wohl doch mal einen Blindenhund schenken. Ich erspare mir einen Kommentar dazu, sondern lasse ihn lieber meinen Kleiderschrank weiter durchsuchen. Die linke Hand lässt er immer an meiner Taille. Ich würde gerne seine Hand berühren, aber ich tue es nicht. Reicht doch wenn ich sie durch mein T-Shirt hindurch deutlich spüre oder? Ich muss wohl ohne nachzudenken mit der Rechten nach seiner Hand an meiner Taille gegriffen haben, denn ich spüre auf einmal seine kräftigen Finger unter meinen. Josh lässt sich jedoch durch mein Tun irritieren sondern durchsucht weiter meine Klamotten. Sein Gesicht ziert ein leichter Rosa-Schimmer, was ihn, um Gottes Willen, noch süßer werden lässt. Und ich dachte, er kann nicht mehr süßer werden.

Ich würde am liebsten im Boden versinken. Wie konnte ich das nur tun?! Ich meine, so was mache ich doch sonst auch nicht! Normalerweise habe ich mich immer unter Kontrolle, wieso jetzt nicht? Wieso verliere ich bei ihm immer häufiger die Kontrolle über mich? Was, verdammte Scheiße noch mal, passiert mit mir?!?!?! Und ich hätte auf diese Frage wirklich mal eine Antwort! Und wenn’s  geht ein bisschen zackig, damit ich noch heute und am besten auch noch in dieser Sekunde darauf reagieren kann.

„Hey, ich hab was gefunden.“, kommt es triumphierend von Josh. Er hält mir ein schwarzes enges T-Shirt mit roten Schmetterlingen – wie passend, erinnert mich gleich an meine eigenen – und eine schwarze dreiviertel Stoffhose hin.

„Hm, geht.“ Er erwartet doch jetzt hoffentlich kein Lob oder? Wie ich ihn kenne, hat er nur so getan, als würde er angestrengt nach etwas suchen und hat dann einfach das erst Beste herausgenommen. Na ja, ehrlich gesagt, bin ich jetzt auch zu faul noch weiter nach etwas zu suchen, also einfach das anziehen.

Ich nehme ihm die Klamotten ab und gehe zu meinem Bett. Ähm und jetzt? Ich kann mich doch nicht vor ihm ausziehen? Aber ist das nicht eigentlich das natürlichste der Welt? Im Sportunterricht machen wir das doch auch andauernd, mindestens einmal pro Woche. Aber jetzt und hier und überhaupt ist das doch was ganz anderes. Ich spüre schon wieder, dass mein Gesicht wärmer wird. Oh man, bin ich froh, dass ich so lange Haare habe. Als ich zu Josh schiele sehe ich, dass er auch knall rot ist. Dann jedoch geht er zum Fenster und findet unseren Vorgarten sehr sehr interessant. Ich bin ihm echt dankbar. Ich glaube nicht, dass ich das hingekriegt hätte, hätte er sich wieder auf den Stuhl gesetzt und mir beim Umziehen zugeschaut. Allerdings glaube ich, dass er nicht den Garten sondern eher meine Spiegelung anschaut. Ach, scheiß drauf, Augen zu und durch. Ich werde schon nicht daran sterben, dass er mich in Boxershorts sieht. Hoff ich zumindest. Wieso kann sich eigentlich nicht einfach der Boden auftun und mich verschlingen? Das würde alles viel einfacher machen.

Ich glaube so schnell wie gerade eben, habe ich mich noch nie umgezogen. Nun ja, ich muss mich vor Josh ja auch nicht in Zeitlupe aus und wieder anziehen oder? Obwohl er meinen Körper seit dem Freibad und auch schon seit unserer „Kindheit“ kennt.

Nach dem Umziehen geht’s noch einmal kurz ins Bad, um meine Haare zu ordnen, die natürlich wieder total zerstrubbelt waren und um noch ein bisschen die Augen zu schminken. Ja ja, ich weiß was ihr jetzt denkt. Oh Gott, ein Junge der sich schminkt?! Ich mach ja nicht viel, nur ein bisschen Kajal, damit die Augen ein wenig dunkler aussehen. Ich finde so sehe ich einfach besser aus. Wenn es euch nicht passt, ist das euer Problem, nicht meins.

Josh steht im Türrahmen und schaut mir ungläubig zu. Ich glaube er ist viel zu baff, um irgendetwas zu sagen. Dachte er etwa, dass meine dunklen Augen echt wären?! Oh man, der Typ ist wirklich krass. Solche Augenringe kann man doch gar nicht haben. Bevor er auch nur einen Ton zu meiner Aktion sagen kann bin ich auch schon fertig und unten, um meine Schuhe anzuziehen. I love Chucks!

Als Josh die Treppe herunterkommt, sieht er leicht traumatisiert aus. Wahrscheinlich habe ich gerade sein gesamtes Weltbild erschüttert. Ich würde mir am liebsten selber auf die Schulter klopfen. Gut gemacht, Da! Das war höchstwahrscheinlich das erste Mal, dass er gesehen hat, wie sich ein Junge schminkt. Und nicht das letzte Mal, wenn er weiter bei mir rumhängt.

„Können wir?“, frage ich ihn vorsichtig. Er sieht nicht so wirklich aus, als wäre er mit seinen Gedanken mit mir in einem Raum. Wahrscheinlich grübelt er immer noch darüber nach, wie Jungs und Schminke zusammen passen. Als ob das so unnatürlich wäre. Okay,  ja es ist unnatürlich, aber … na und? Ich bin ja jetzt wirklich nicht der erste, der das macht. Gut, aber der erste den Josh kennt. Der arme, irgendwie kann er einem schon Leid tun. Nun ja, sein Problem eigentlich.

Ich hatte Recht. Er reagiert überhaupt nicht auf mich. Also, einfach die Tür aufmachen und ihn an der Hand packen, um ihn aus dem Haus zu bekommen. Gesagt äh gedacht, getan. Josh lässt sich widerstandslos mitziehen. Nur meine Mutter sieht mich vom Küchenfenster her etwas befremdet an. Na soll sie doch.

Zwei Straßen weiter erwacht Josh aus seiner Lethargie und lässt erst einmal meine Hand los. Schade eigentlich, er hat schön warme Hände. Wir gehen schweigend über eine Ampel und auf der anderen Seite ergreift er meine Hand, als wäre nichts gewesen. Er lächelt mich lieb an. Kann er mich bitte immer so anschauen? Dann würde ich ihm auch abkaufen, dass die Welt wunderbar ist.

Kurz vor dem Park lassen wir unsere Hände jedoch los. Muss ja wirklich nicht sein, dass uns irgendeiner unserer Mitschüler Händchen haltend sieht. Äh Händchen haltend? Haben wir gerade eben wirklich…? Äh, nee oder? Ahhhhh, verfickte Schmetterlinge, könnt ihr mal aufhören meinen Verstand zu vernebeln und mich klar denken lassen?! Mein Gott, was habe ich getan? Na okay, jetzt ist es eh zu spät und ehrlich gesagt war es ein wunderschönes Gefühl seine Hand zu halten.

 

Die „Party“ – Besäufnis ist wirklich eher zutreffend – findet in der Mitte des Parks an einer Grillstelle statt. Irgendjemand hat vor unserem Eintreffen ein Lagerfeuer entzündet und ein paar Jungs waren schon eifrig dabei Fleisch auf Stöcke zu spießen und über dem Feuer zu braten – verbrennen wohl eher. Ziemlich brutal das ganze. Ich bleibe lieber beim Salat, wie zwei andere Mädchen auch.

Es sind vorwiegend Jungs da. Na vielleicht hatten die Mädchen einfach keinen Bock zu kommen, keine Ahnung. Ich setzte mich zu den Salaten und den beiden Mädchen, die nicht verbergen lesbisch zu sein. Sie küssen sich vor meinen Augen! Es ist zwar nur ein kurzer Kuss, aber trotzdem! Where the fuck bin ich hier?!

Ich schiele zu Josh rüber, der sich gerade um sein Abendessen kümmert oder eher aufpasst, dass es nicht einfach Feuer fängt. Er unterhält sich nebenbei lachend mit irgendwelchen Jungs. Alle hier sehen relativ normal aus. Ich bin also das einzige „schwarze Schaf“. Mhm who cares? Na auf jeden Fall sehen alle eher so aus wie Josh, ich passe hier also so was von überhaupt nicht rein.

„Hi, wie heißt du denn?“, ich drehe den Kopf in Richtung Stimme und erblicke eines der beiden Mädchen. Sie hat lange blonde Haare und ist anscheinend Fan des Army-Looks. Tja, wem es gefällt…

„Dam.“

„Ich bin Jessy und das ist Erika.“ Sie spricht Erika englisch aus und deutet auf das Mädchen neben sich. Erika sieht fast wie ihr Zwilling aus.

Ich zwinge mich zu einem Nicken. Ich habe null Bock mich mit diesen Tussen und ihrem Zahnpastaverkäuferinnenlächeln abzugeben. Jemand schlägt mir leicht mit der Hand auf die Schulter. Ich kann mir schon denken wer das ist ihr auch? Genau, es ist Josh. Wenn er das noch einmal macht, hat er eine Faust in der Fresse. Böse schaue ich nach oben in sein Gesicht.

„Na komm, Kleiner, wir setzten uns zu Julien.“

Julien ist auch da? Ich habe ihn noch gar nicht gesehen. Josh zieht mich vorsichtig am Arm nach oben und schleppt mich zu einem Baum unter ein wasserstoffblonder Junge gerade isst.

„Moim Mjosh, moim Mda.“, meint er mit vollem Mund.

Wir setzen uns neben ihm… ich kann Joshs Körperwärme neben mir spüren. Es ist fast als wäre er eine riesige Heizung. Stillschweigend essen wir und trinken Bier. Josh hat es glaube ich geholt, auf alle Fälle war es einfach da. Normalerweise trinke ich ja kaum Alkohol, aber so ein bisschen schadet ja nicht oder?

Julien blickt immer wieder auf seine Armbanduhr. Wartet er auf jemanden? Josh scheint das ebenfalls zu bemerken, denn er fragt ihn wieso er immer wieder auf die Uhr schaue. Darauf wird Julien leicht rot im Gesicht.

„Äh, ein Freund von mir wollte noch herkommen und na ja… ich…“, er bricht ab und wird knallrot.

Ist dieser Freund etwa DER Freund? Also der Typ, auf den Julien steht? Würde mich ja wirklich mal interessieren, wer das ist und wie er aussieht. Aber vor allem interessiert es mich, ob Julien die Wahrheit gesagt hat. Okay, da er gerade so rot geworden ist dürfte ja eigentlich schon beweisen, dass er in den Jungen verliebt ist. Würde mich aber trotzdem interessieren, wen sich Julien da ausgeguckt hat.

„Ach lernen wir ihn heute endlich kennen?“, fragt Josh grinsend. Ah, er weiß also von diesem Typen. Wenigstens bin ich nicht der Einzige, der Juliens Traumjungen noch nicht kennt.

Julien nickt mit hochrotem Kopf und trinkt schnell einen Schluck Bier.

Ich lasse meinen Blick über die Anwesenden dieses „Grillabends“ schweifen und entdecke… etwas Schwarzes? Hatte ich nicht gedacht, dass ich der einzige wäre, der etwas anders ist als die anderen hier? Ich betrachte den Jungen etwas genauer. Er sieht etwas verwirrt und wie bestellt –und -abgeholt aus. Die anderen betrachten ihn nicht weiter.

„Ah, da ist er ja…“, Julien hebt den Arm und wedelt wie wild mit der Bierflasche rum. Gleich kippt er deren Inhalt über Joshs Haare, ich sehe es schon kommen. Josh anscheinend auch, denn er rutscht ein bisschen näher zu mir, um aus dem Radius der Bierflasche zu entkommen. Ich kann seine Hand auf meiner im Gras liegenden spüren… scheiß Schmetterlinge, ich hasse euch!

Der „Schwarze“ kommt mit großen Schritten auf uns zu. Er hat lange dunkelbraune Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden hat und ihm bis zur Taille reicht. Er trägt ein schwarzes T-shirt, eine schwarze Jeans, schwarze Schuhe – sie sehen verdächtig nach Springerstiefeln aus – und ein großes Pentagramm als Kettenanhänger. Er hat ein recht schönes Gesicht, schmal, blass mit dunklen Augen. Ich tippe auf einen Goth. Auf so etwas steht also Julien. Hätte ich wirklich nicht gedacht. Ich meine, Julien ist normal und verguckt sich in einen Goth?! Steht die Welt jetzt völlig Kopf oder was ist hier los?!

Als er uns erreicht hat begrüßt er uns alle mit einem simplen: „Hallo.“ Seine Stimme ist sehr tief, aber irgendwie angenehm zu hören. Ich frage mich, wie alt der Typ wohl ist.

Er setzt sich neben Julien, mir gegenüber. Ich glaube, er ist sogar noch größer als Josh. Mein Gott, noch so ein Riese. Neben ihm sehe ich sicher aus wie ein abgekrachter Gartenzwerg. Wieso kann ich nicht auch so groß sein? Oder zumindest normal groß sein?

Julien stellt den jungen Mann – als Junge kann man diesen „alten Sack“ ganz sicher nicht bezeichnen – als Lunas Stegmeier vor. Den Namen habe ich noch nie gehört, aber irgendwie klingt er schön. Irgendwie passt er zu diesem Typen, der Julien den Kopf verdreht hat. Ich frag mich nur noch immer was Julien an einem Goth findet. Ich meine, wir reden hier von Julien! Der Typ ist total normal, jedenfalls so normal wie Josh und steht auf diesen Lunas? Irgendwie verstehe ich die Welt nicht mehr. Gut, ich hätte auch nie gedacht, dass mein Bauch Purzelbäume schlägt, nur weil jemand meine Hand berührt.

Die drei quatschen ein bisschen, über alles Mögliche. Diese normalen langweiligen Themen, wie Schule, Hobbies, Sport. Ich beteilige mich nicht wirklich an dieser Konversation, wieso sollte ich auch? Es interessiert mich wirklich nicht die Bohne, dass der VfB Stuttgart am letzten Wochenende irgend so ein verdammt langweiliges Fußballspiel gegen Nürnberg verloren hat. Also wieso sollte ich da mitreden? Ich genieße lieber die Nähe von Josh, der sich leicht gegen meine Schulter gelehnt hat. Nicht, dass es noch so aussieht als hätten wir etwas miteinander… wobei ich langsam glaube, dass die meisten hier Schwule und Lesben sind. Nein, ich werde mich jetzt nicht darüber aufregen, dass Josh mich mit hierher geschleppt hat. Nach dem Grund frage ich lieber erst gar nicht. Eigentlich sollte ich mich doch darüber freuen, dass man hier nicht schief angeguckt wird nur weil man die Hand eines Jungen hält – machen ja doch eh die meisten. Auf einer normalen Grill –und Besäufnisfeier könnte ich wirklich nicht seine Nähe spüren. Nicht so wie jetzt.

Die anderen unterhalten sich noch immer über Fußball und trinken dabei fröhlich weiter. Ich will gar nicht wissen, wie viel sie schon getrunken haben und wie viele Flaschen Bier und sonstige alkoholische Getränke noch folgen werden.

Da sich eh niemand für mich interessiert lege ich mich nach hinten ins Gras und höre meine Musik. Nicht zu laut, ich will die anderen nicht in ihrer angeregten Diskussion stören. Was es bei Fußball zu diskutieren gibt, weiß nur der Herr Gott alleine. Der Himmel sieht schön aus, schwarz ohne einen einzigen Stern. Nachher kommen bestimmt noch welche.

Irgendwann spüre ich, dass sich jemand auf meinen rechten Arm legt – ich habe beide hinter dem Kopf verschränkt – und drehe den Kopf, um zu sehen wer dieser „jemand“ ist. War ja klar, dass es Josh ist. Ich hebe leicht den Kopf, um nach den anderen zu sehen, aber die beiden sind verschwunden. Hä?

Josh zieht mir einen Kopfhörer aus dem Ohr und sagt leise: „Die beiden sind zur Tankstelle,  Alk kaufen.“

Ich grummele als Antwort. Alk kaufen… wieso muss man sich immer zusaufen? Na okay, ehrlich gesagt, habe ich jetzt null Bock darüber nachzudenken, warum sich meine Freunde in ihrer Freizeit besaufen. Ist ja eh ihre Sache.

Josh legt einen Arm über meine Brust und kuschelt sich an mich. Ich kriege gleich einen Herzkasper! Muss der mich so fertig machen? Mein Herz rast wie verrückt und er liegt einfach so neben mir, als wäre alles normal. Ich glaube meine Herz macht das nicht mehr lange mit.

„Hey Josh, nicht schlafen! Wir haben dir doch extra etwas mitgebracht!“, ertönt auf einmal Juliens Stimme. Ich zucke vor Schreck heftig zusammen. Ja genau, erschreck mich noch einmal so und ihr könnt mich auf dem Friedhof besuchen. Man, wieso wollen mich heute alle umbringen?

Wir setzten uns beide auf und Lunas gibt Josh sein Bier.

Julien sieht mich an: „Da“, sagt mal, wer hat ihm eigentlich erlaubt mich Da zu nennen, alle außer Josh nennen mich Dam, wieso er nicht? Wahrscheinlich ist Josh Schuld. Das wird noch ein Nachspiel haben mein Freundchen „Wir haben dir auch etwas mitgebracht. Josh meinte, du trinkst das recht gerne.“ Er reicht mir eine Flasche Becks Lemon.

„Danke.“ Ich lächele ihn ein wenig an. Das trinke ich wirklich recht gerne, keine Ahnung wieso, schmeckt einfach klasse.

Die anderen reden wieder und so lege ich mich wieder ins Gras und starre die Sterne an. Irgendwie werde ich müde. Ich kann hier doch aber nicht einschlafen! Josh hat eine Hand auf meinen Unterschenkel gelegt… diese Wärme, die von seinen Händen ausgeht ist wirklich beruhigend… und einschläfernd…

Mir fallen die Augen zu.

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