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Home you old JoSh

XXIV taubstumm

Fuck.

Ich habe mir eine Grippe eingefangen.

Verdammte Scheiße!

Ich schnäuze genervt in ein geblümtes Taschentuch. Das ist meine letzte Packung. Ich glaube es ist schon die vierte oder fünfte Packung heute und dabei ist noch nicht einmal Mittag. Gott, falls du da oben bist: Ich habe eine, nur eine einzige, winzigkleine Frage an dich. Wie kann eine einzelne Nase soviel Rotz produzieren? Wie nur?! Ich verstehe es echt nicht! Seit Freitagmorgen – also dem Freitag nachdem ich mit Josh bei diesem Besäufnis war – schnäuze ich mir einen ab und habe bestimmt schon zwei Familienpackungen Tempos verbraucht. Dabei ist es erst Sonntagvormittag. Aber wenn es nur der Schnupfen wäre, wäre ich ja noch richtig froh, nur leider ist er nicht alleine gekommen. Mit ihm habe ich Halsweh und Gliederschmerzen bekommen. Ich glaube so fühlt man sich, wenn man Rheuma hat. Jetzt verstehe ich meine Großeltern sogar, wenn sie den ganzen Tag nur am herumjammern sind. Ich mache seit Freitag ja auch nichts anderes mehr. Ich glaube meine Familie hasst mich und die Grippe mittlerweile über alles. Schon witzig so eine Grippe. Sie halten alle einen drei Meter Abstand zu mir ein, in der Hoffnung sich nicht doch noch anzustecken. Was für ein Schwachsinn.

Josh hat mich gestern schon besucht, weil ich am Freitag nicht in der Schule war und ihm auch nicht auf seine Mails und SMS´ s  geantwortet habe. Er hat erstmal einen riesigen Schock bekommen, als er mich so mehr tot als lebendig, umgeben von Bergen aus Taschentüchern, gesehen hat. Sie liegen in meinem ganzen Zimmer herum und wenn man noch im Halbschlaf ist, so wie ich jetzt, sieht es aus als hätte es in diesem Raum geschneit. Ich glaube die Grippe hat jetzt auch noch mein Gehirn infiziert. Wie kann man nur so eine gequirlte Scheiße denken?! Aber okay, ich bin krank, ich darf das. Oder?

Mal sehen, ob Josh heute wieder vorbeikommt. Versprochen hat er es ja, aber ob er das nicht vergisst ist eine andere Sache. Wegen Donnerstagnacht hat er immer noch leichte Schuldgefühle, wie er mir gestern erzählt hat. Ehrlich gesagt ist das mir egal. Es ist passiert und man kann es nicht ändern. Außerdem ist mein Hirn viel zu überfüllt mit Rotz als dass ich mich jetzt großartig damit auseinander setzten könnte, was Josh getan hat und wieso das jetzt so tragisch für unsere Be... Bez… VERDAMMT NOCH EINMAL DA!!! Wieso zum Henker fällt es mir immer noch manchmal so schwer, selbst in Gedanken zuzugeben, dass das was mich und Josh verbindet nicht nur Freundschaft ist, sondern eine Beziehung. Ja, verdammt, es ist eine Beziehung… sogar eine wunderbare. Okay, wunderbar kann man jetzt verschieden auslegen. Ich meine, es darf keiner mitkriegen, außer Jason und dieser Goth – von dem mir der Name gerade nicht einfällt, verdammtes Alzheimer- und auch sonst können wir uns selten so benehmen wie normale Liebespaare. Aber na und? Wir sind zusammen und nur das zählt doch. Auch wenn jeder von uns so seine Macken hat und es den anderen anpisst. Okay, ich habe bis jetzt bei Josh noch nie gesehen, dass ihn meine Macken anpissen, aber gut, er zeigt es vielleicht auch gar nicht. Oh man, von der ganzen Denkerei schwirrt mir der Kopf.

Langsam und vorsichtig drehe ich mich auf die Seite und kuschele mich unter die Decke. Das Taschentuch schmeiße ich zu den anderen auf den Boden. Ich döse vor mich hin, träume von einem schönen, angenehm warmen, schwarzen Bett, in dem ich ganz ohne Schnupfen liege. Ach was für ein schöner Traum. Leider nur ein Traum.

Die Tür geht leise auf, aber nicht so leise, dass ich es nicht hören würde. Die Taschentücher die dabei zur Seite geschoben werden geben ein leichtes Geräusch ab. Ich reibe mir die Augen und blinzele in das Licht der Sonne, dass natürlich genau auf mein Bett fällt.

„Mensch, Da, du solltest echt mal aufräumen.“

Josh steht ziemlich verlassen mitten im Raum da, umringt von einem Teppich aus Tempos. Er hat ein Tablett mit einem dampfenden Teller darauf in der Hand. Wahrscheinlich Suppe, die ihm meine Mutter mit hoch gegeben hat. Er sieht sich aufmerksam um, ich nehme an, er überlegt wie er zu mir kommt, ohne auf allzu viele Taschentücher zu laufen.

„Irgendwann.“, ich gähne ausgiebig.

„Das sagst du immer.“, meint er lächelnd und kommt, sich um Taschentücherberge schlingend, zu mir.

Er legt das Tablett vorsichtig auf meine Beine und setzt sich dann neben mich: „Da, bitteschön mit den besten Grüßen von deiner Mutter.“

„Danke.“

Die Suppe schmeckt wirklich gut, zwar verbrenne ich mir ein paar Mal die Nase, aber was soll´ s. Meine Mutter hat ihm auch noch ein paar Packungen Taschentücher mitgegeben. Zum Glück sind es nicht schon wieder welche mit irgendwelchen Mustern. Ich wusste bis gestern Abend gar nicht dass es Goofy- Taschentücher gibt.

„Geht es dir denn schon wieder ein bisschen besser?“

„Ein ganz, ganz, ganz kleines bisschen schon.“, antworte ich und verziehe das Gesicht weil ich mir schon wieder den Hals verbrannt habe. Wenigstens wärmt sie gut.

„Wenn es dir morgen wieder besser geht, was hältst du davon wenn wir ein bisschen in die Stadt gehen?“

Macht der Witze?! Bis ich wieder richtig gesund bin, vergehen Tage, wenn nicht sogar Wochen! Ich starre ihn entgeistert an.

„Natürlich nur, wenn du wirklich ganz okay bist…“, murmelt er kleinlaut.

Ach man, muss der jetzt wieder diese Show abziehen? Er weiß doch genau, dass ich ihm dann nicht böse sein kann. Verdammte Männer. Mist, ich bin ja auch einer. Okay, verdammte blonde Männer.

„Ja, okay…“, lasse ich mich bereit schlagen.

Wieso gebe ich eigentlich immer nach?

„Danke, du bist ein Schatz!“, vor lauter Freude, küsst er mich sanft auf die Wange, während ich ja immer noch beim Essen bin und mich natürlich verschlucke.

Vorsichtig schlägt er mir auf den Rücken.

„Tschuldigung, Da.“

Ich japse nach Luft: „Schon … okay.“

Er blieb noch eine ganze Weile, aber ging dann, damit ich mich ausruhen konnte. Sobald er weg war fiel ich in einen komaartigen Schlaf, aus dem mich dann mein heiß geliebter Wecker riss. Drecksstück!

Vorsichtig schwang ich die Beine aus dem Bett, mein Hals fühlte sich nicht mehr ganz so schlimm an, auch wenn ich beim Schlucken immer noch Probleme hatte. Auch meine Nase machte keine Anstalten sofort die Niagaraflüsse zu entfesseln. Seltsam… irgendwie war mir das unheimlich, gerade an einem Montag, wenn die Schule wieder anfängt, ist meine Grippe weg? Wo bleibt die Gerechtigkeit!? Aber okay, solang ich nicht mehr diesen beschissenen Schnupfen habe ist mir alles recht. Sogar Schule. Anscheinend bin ich immer noch etwas geistig verwirrt.

In einem Schneckentempo mache ich mich für die Schule fertig. Meine Familie scheint sichtlich erfreut zu sein, dass sie endlich kein Grippeopfer mehr im Haus haben, bei dem sie sich anstecken können. Auch Checkerbunny ist happy, da eine Grippe doch sicher ihrem Ruf und ihrem Teint geschadet hätte. Hopper kriegen ja keine Grippe, nein, nein, die lassen sich da lieber von Kugeln treffen.

Ich habe null Bock auf Schule, vor allem ist mir beim Zähneputzen eingefallen, dass Josh ja was mit mir unternehmen wollten, wenn es mir besser gehen würde. Na klasse. Ich habe zugesagt, aber doch auch nur weil ich dachte, dass ich bis heute eh nicht gesund werde. Mit etwa zehn Tempopäckchen bewaffnet trete ich den Schulweg an. Meine Laune sinkt gegen – 75.

Auf dem Schulweg komme ich an einem Plakat vorbei, auf dem steht.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich.

Ich liebe dich.

-         Gott –

Ja, klar wer´ s glaubt. Und warum schickst du mich dann gerade an einem Montag in die Schule, gerade dann wenn Josh irgendwas mit mir machen will. Und seien wir doch mal ehrlich: Ganz egal, was er vorhat, es ist eine von Josh´ s Idee, also wird sie mir hundertprozentig nicht gefallen. Ach ja und noch was, wenn du mich wirklich liebst warum hast du mein Flehen an dich, dass du den Schnupfen aufhören lässt oder zumindest verminderst, nicht schon früher erhört? Na? Keine Antwort? Ha, ich wusste es! Du bist taubstumm.

 

Der Unterricht ging recht schnell vorbei, ich bekam eh nichts mit. Josh schien ganz aus dem Häuschen, dass ich wieder gesund war und erzählte mir in der großen Pause überschwänglich was er heute Nachmittag mit mir machen würde. So viel ich noch weiß, wollte er ein paar Klamotten kaufen und brauchte dafür meinen fachmännischen Rat. Fachmännischer Rat?! Hallo?! Ich bin der Kerl, der schon mal mit einer Jeans, die mit einem Glitzerherz auf dem Arsch versehen war, herumgerannt ist?! Was ist daran bitteschön fachmännisch?! Aber na ja, wenn er meint, er wird schon sehen was er davon hat. Schwarze Kleidung, die Leute werden denken, er kauft für eine Beerdigung ein. Danach wollte er mit mir irgendetwas essen gehen und wenn noch genug Zeit blieb noch einmal shoppen.

Da stand mir ja etwas bevor.

Es klingelte zum Ende des Unterrichts. Ich ahnte, dass es jetzt ein langer und schrecklicher Nachmittag werden würde, aber was tat man nicht alles für seinen Freund? Genau, man ging mit ihm shoppen.

Josh schleppte mich zuerst in ein relativ großes Kaufhaus. Ich glaube es war H & M, aber so genau erinnere ich mich nicht mehr daran, da ich versuche alles daran zu verdrängen. Ich habe shoppen schon immer gehasst und ich werde es voraussichtlich auch immer hassen. Daran wird kein Joshua etwas ändern können, ganz egal wie er oft er es auch versucht.

Wir sind immer noch in diesem Kaufhaus und Josh ist gerade mit einem riesen Stapel Klamotten in eine der Umkleidekabinen verschwunden. Ich setzte mich erschöpft auf eine Couch, neben einen ebenso erschöpften Mann.

Wir sehen uns an und er meint nur: „Ich hasse einkaufen.“

Ich nicke zustimmen.

Eine Frau und Josh laufen abwechselnd zu uns her, in irgendwelchen Klamotten, die wir dann gut oder schlecht finden sollen. Ehrlich gesagt, ist es mir so etwas von scheiß egal, was Josh trägt. Von mir aus könnte er auch á la Tarzan im Lendenschurz daher latschen. Wenn es ihn glücklich macht. Nur leider ist er da nicht meiner Meinung.

Nach einer langen Diskussion – es ging darüber, dass ich mich nicht mit Kleidung auskenne und ihn deshalb nicht „fachmännisch“ beraten kann – kauft er einfach was ihm am liebsten gefällt.

Schweigend verlassen wir das Kaufhaus und streben den McDonald´ s gegenüber an. Ja, ich weiß, es ist ungesund aber na und?!

Wir bestellen und ehe ich meinen Geldbeutel zücken kann, hat er schon für uns beide gezahlt.

Überrascht bedanke ich mich.

„Schon okay.“

Wir setzten uns an ein Fenster. Draußen regnet es. An uns rennen Menschen oder laufen gemächlich unter Regenschirmen vorbei.

Ich schaue ihn an, er hat keinen Ton gesagt, seit er gezahlt hat. Er verschlingt nur stumm seinen Burger.

„Es tut mir leid.“

Erstaunt blickt er auf und ich kann in seine wunderschönen Augen blicken. Er lächelt leicht.

„Ist schon okay, Kleiner, ich bin dir nicht böse.“

„So sahst du aber aus.“

„Tut mir leid, ich war nur etwas gereizt, aber das ist schon vorbei.“

„Okay.“

Wir aßen weiter nur war er wieder etwas gesprächiger geworden und erzählte mir irgendetwas vom Leichtathletikverein, in dem er war.

Nach dem Essen trennten wir uns. Dank der vielen Menschen konnten wir uns gerade mal umarmen. Schade eigentlich, ich hätte so gerne seine Lippen gespürt und geschmeckt. Aber es ging nicht. Stattdessen umarmte er mich fest und ich hörte seine leise Stimme an meinem Ohr: „Ich liebe dich, Kleiner.“ Sein Atme strich über meinen Hals und meine Wange.

„Ich dich auch.“, flüsterte ich in sein Haar.

Dann gingen wir.

Es regnete immer noch.

Grippe ich komme.

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